zuletzt aktualisiert: 12.04.2007
Initiative Kirche von unten

 

 

"Die befreiende Kraft des Evangeliums"

Zur Erinnerung an Dorothee Sölle
(30.9.1929 - 27.4.2003)

 

 

Kölner würdigen Sölle mit Gedenkgottesdienst

Köln, 6.5.2003 (epd). Mit einer Gedenkfeier haben Kölner Bürger, Theologen und Kirchenvertreter am Montagabend die verstorbene Hamburger Theologin Dorothee Sölle gewürdigt. Ihre Ende der sechziger Jahre in der Kölner Antoniterkirche veranstalteten "Politischen Nachtgebete" seien provokativ gewesen und an der "Grenze dessen, was die Kirche damals vertreten konnte", sagte der Superintendent des Kirchenkreises Köln-Mitte, Rolf Domning. Im Umgang mit Sölles politischer Aktion seien viele Fehler gemacht worden, räumte Domning ein. Der Theologe und Weggefährte Klaus Schmidt erinnerte an Sölle als Protestantin, die "mit aller Leidenschaft stets ein Teil der reformierten und zu reformierenden Kirche gewesen ist, ständig auch auf der Suche nach neuen Gottesdienstformen".

Die "Politischen Nachtgebete" und ihre "Theologie nach dem Tode Gottes" hatten Dorothee Sölle Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre bekannt gemacht. Die Theologin und Publizistin war prominentes Mitglied der Friedensbewegung. Sie veröffentlichte zahlreiche Bücher zur Befreiungsbewegung, feministischen Theologie und theologischen Poesie. Sölle starb vor neun Tagen im Alter von 73 Jahren an einem Herzinfakt in Hamburg. (6.5.03)

Quelle: http://www.epd.de


Abschied von Theologin Dorothee Sölle in Hamburg
Wartenberg-Potter: "Sie war eine der großen Frauen unserer Zeit"

Hamburg, 5.5.2003 (epd). Mehr als tausend Trauergäste aus dem In- und Ausland haben am Montag in Hamburg Abschied von der verstorbenen evangelischen Theologin und Publizistin Dorothee Sölle genommen. Die Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter würdigte Sölle in der Hauptkirche St. Katharinen als "eine der großen Frauen unserer Zeit". "Die prophetische und poetische Stimme dieser Frau wird uns fehlen", fügte sie hinzu. Sölle, die mit dem Religionspädagogen Fulbert Steffensky verheiratet und Mutter von vier Kindern war, war am 27. April im Alter von 73 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben. Unter den Trauergästen aus Kirche, Kultur und Gesellschaft waren auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Manfred Kock, die Bischöfinnen Maria Jepsen (Hamburg) und Margot Käßmann (Hannover) sowie die Vizepräsidentin des Bundestages, Antje Vollmer (Grüne).

Sölle habe eine große Gemeinde zusammengeführt mit ihrer "Sehnsucht nach authentischer Gottesbegegnung", sagte Wartenberg-Potter. Die Theologin habe eine "neue Sprache und neue Bilder von Gott" gefunden. "Worte wie Brot, Texte voll Klarheit und konkreten Lebens, ehrlich, genau, licht." Dennoch habe ihr dies keinen Platz an den theologischen Fakultäten Deutschlands eingebracht: "Ich halte dies für eine der bemerkenswertesten Torheiten der Kirchengeschichte der Nachkriegszeit", sagte Wartenberg-Potter unter Beifall der Trauergemeinde.

Wie keine andere habe Sölle "in die Gottesfinsternis des 20. Jahrhunderts ihr theologisches Licht getragen". Nach Auschwitz, nach dem "Tode Gottes", habe sie es Christen wieder ermöglicht, "Gott zu sagen, Gott zu denken, Gott zu meinen und Gott zu glauben". Im Anschluss an den Gottesdienst wurde Sölle auf dem Friedhof in Hamburg-Nienstedten beigesetzt. (04614/5.5.03)

Quelle: http://www.epd.de


ESG: Wir trauern um Dorothee Sölle

Am Sonntag, den 27. April 2003, starb die Theologin und Schriftstellerin Dorothee Sölle im Alter von 73 Jahren. Ihr Tod wird eine tiefe Lücke hinterlassen. Viele Menschen in der ESG waren ihr persönlich verbunden, für viele war sie immer wieder Anstoß, Herausforderung oder Ermutigung in der eigenen Arbeit. Dorothee Sölle war eine wichtige, streitbare Vordenkerin einer politischen, feministischen und befreienden Theologie. An Unrecht und jeder Form von Diskriminierung hat sie zutiefst gelitten, daran zerbrochen ist sie nie. Im Gegenteil, „sich nicht den Luxus der Hoffnungslosigkeit leisten“ war ihre wichtige Mahnung an unsere westliche Welt.

Unermüdlich, deutlich und laut setzte sich Dorothee Sölle für ihre Visionen einer gerechten Welt und einer menschlichen Kirche jenseits von Rassismus, Antijudaismus und Sexismus ein. Theologie und Politik gehörten für sie untrennbar zusammen. Ihre Kraft dazu schöpfte sie aus intensiv gelebter Spiritualität. Als Schriftstellerin hat sie der Theologie eine wunderbar poetische Sprache gegeben und so „Gott in den Alltag hineingesprochen“.

Dorothee Sölle wird eine tiefe Lücke hinterlassen. Ihre Texte und Gedanken werden uns weiter begleiten und uns helfen, in ihrem Sinne weiter zu arbeiten. Sie werden uns ermutigen, Visionen zu entwickeln und uns mahnen, nicht aufzuhören entschieden für Gerechtigkeit und Frieden einzutreten.

Wir sind unterwegs mit dir, Gott

Wir sind unterwegs mit dir, Gott,
weil du nicht auf einem Thron sitzt,
sondern mit uns wanderst, durch Dunkel und Nässe,
durch Neben und oft ohne Weg – und häufig ohne Ziel.

Wir sind unterwegs mit dir, Gott,
weil du nicht in den Kirchen wohnst,
sondern mit uns wanderst, in Ängsten um all die,
die nur wählen können, vertrieben oder bombardiert zu werden.
Geh auch mit ihnen mit, Gott, und lass uns mit ihnen gehen.

Wir sind unterwegs mit dir, Gott,
weil wir dich nie ganz kennen,
und du dich immer wieder versteckst –
in einem Rosenblatt, im Lächeln eines Penners –
und so mit uns wanderst, und uns das Gehen lehrst,
und das dich Suchen.

Wir sind unterwegs mit dir, Gott,
so dass der Weg und das Ziel eins werden, in dir.

(Dorothee Sölle)

Quelle: http://www.bundes-esg.de


Evangelische Theologin Dorothee Sölle verstorben
73-Jährige erlag Herzinfarkt
Bünker: Mutige und prophetische Stimme ist verstummt

Bad Boll/Wien, 30. April 2003 (epd Ö). Die deutsche evangelische Theologin Dorothee Sölle ist am Sonntagmorgen in einem Krankenhaus im baden-württembergischen Göppingen gestorben. Sölle erlag einem Herzinfarkt, wie die Leiterin der nahe gelegenen Evangelischen Akademie Bad Boll, Godlind Bigalke, am Sonntag auf Anfrage mitteilte. Die Theologin hatte dort seit Freitag gemeinsam mit ihrem Ehemann Fulbert Steffensky als Hauptreferentin an einem Seminar zum Thema „Gott und das Glück“ teilgenommen. In der Nacht zum Sonntag habe ihr Mann den Notarzt gerufen, weil seine Frau Herzprobleme bekam. Die 73-Jährige hatte vor einiger Zeit bereits einen ersten Herzinfarkt gehabt, von dem sie sich aber nach Angaben Bigalkes gut erholt hatte. Sölle war auch als Friedensaktivistin, Feministin und Autorin zahlreicher Bücher bekannt.

Dorothee Sölle wurde 1929 in Köln geboren. Sie hatte Theologie, Literaturwissenschaft und Philosophie studiert und sich 1971 an der Universität Köln habilitiert. Nach ihrer Tätigkeit als Privatdozentin für neuere deutsche Literaturgeschichte war sie von 1975 bis 1987 als Professorin für systematische Theologie am Union Theological Seminary in New York tätig. Sie war seit 1969 mit dem Religionspädagogen Fulbert Steffensky verheiratet. Sie zählte zu den bekanntesten Vertreterinnen einer befreiungstheologisch orientierten Theologie und Kirche. Die Verbindung von politischem und gesellschaftlichem Engagement und tiefer mystisch geprägter Frömmigkeit war typisch für Dorothee Sölle und
eine Ermutigung und Inspiration für viele Christinnen und Christen in den verschiedensten Kirchen. Sie war auf der Suche nach einer neuen Sprache für den Glauben heute. Diese neue Sprache erschien ihr notwendig, damit die „Religion des armen Schluckers aus Nazareth“ weiterleben kann. Noch am Abend vor ihrem Tod hat sie bei einer öffentlichen Veranstaltung aus ihren Gedichten gelesen.

„Dichterin der Gottesliebe“
„Mit Dorothee Sölle verliert der Protestantismus eine herausragende und glaubwürdige Zeugin des Evangeliums, eine streitbare und mutige prophetische Stimme, und eine Dichterin der Gottesliebe ist verstummt“, so der evangelische Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker in einer ersten Reaktion gegenüber epd Ö. Ihre langjährige Mitwirkung etwa bei der Evangelischen Akademie Graz und vielen anderen Gelegenheiten in Österreich habe viele Freundschaften entstehen lassen und dazu beigetragen, „dass die evangelische Stimme auch in diesem Land gehört
wurde“.

Jahrzehntelang meldete sich Sölle in Kirche und Politik zu Wort. Sie engagierte sich in der Friedensbewegung und protestierte gegen die atomare Aufrüstung. Ihre „Politischen Nachtgebete“ Ende der sechziger Jahre in Köln lösten heftige Kontroversen im evangelischen wie im katholischen Raum aus. Lebendige Kirche müsse „ökumenisch, feministisch und mystisch“ sein, sagte Sölle in einem ihrer letzten Interviews . Sölle gilt auch als meistgelesene theologische Autorin der Gegenwart. Zu ihren Publikationen gehören u.a. „Stellvertretung - Ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes“ (1965), „Atheistisch an Gott glauben“ (1968), „Welches Christentum hat Zukunft?“ (1990) und „Mystik und Widerstand“ (1997). Sölle stand stets für eine „Religion mit Seele“. Sie brachte unter anderem auch eine „Entmythologisierung“ der Bibel in Gang. Die Trauerfeier findet am kommenden Montag (5. Mai 2003) in der Hamburger Katharinenkirche statt, predigen wird die Lübecker Bischöfin und Freundin der Verstorbenen, Bärbel Wartenberg-Potter. Die Beisetzung erfolgt im Anschluss an die öffentliche Trauerfeier im privaten Rahmen.

Quelle: http://www.evang.at


Kirchentag: Theologin Sölle hat mutig neue Wege eröffnet

Fulda, 29.4.2003 (epd). Die verstorbene Theologin Dorothee Sölle hat nach Auffassung des Deutschen Evangelischen Kirchentages «mutig neue Wege eröffnet». Neben der Trauer angesichts ihres plötzlichen Todes bleibe «eine große Dankbarkeit für alles, was sie uns gegeben hat», erklärte Kirchentags-Generalsekretärin Friederike Woldt am Dienstag in Fulda. Sölle habe über vier Jahrzehnte hinweg die theologischen und politischen Debatten auf Kirchentagen entscheidend geprägt. Bei Veranstaltungen mit Sölle hätten die Messehallen auf dem Protestanten-Treffen häufig wegen Überfüllung geschlossen werden müssen, so der Kirchentag. Zwei Mal hätten Einladungen an die Theologin als Referentin zu Konflikten mit den Leitungen gastgebender Landeskirchen geführt, so vor dem Stuttgarter Kirchentag 1969 und vor dem Kirchentag in Nürnberg 1979. In beiden Fällen habe das Präsidium des Kirchentags ihre Mitwirkung als «unaufgebbar» verteidigt. (04436/29.4.2003)

Quelle: http://www.epd.de


Kock: Keine Randposition!
Dankbares Erinnern an Dorothee Sölle
EKD-Ratsvorsitzender zum Tod der Theologin

Hannover, 28.4.2003. In einem persönlichen Schreiben an Fulbert Steffensky, den Ehemann der am Sonntag, dem 27. April, verstorbenen Theologin Dorothee Sölle, hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Manfred Kock, auf die breite Wirkung ihrer theologischen und politischen Arbeit hingewiesen. "Ich bin mit großem Dank erfüllt über das, was sie für das Denken und den Weg unserer Kirche bedeutet hat", schrieb Kock.

Die atemberaubende Radikalität, mit der Dorothee Sölle die Jesusnachfolge formuliert und gelebt habe, sei prägend gewesen für sein eigenes Denken und Reden wie auch für den Weg der evangelischen Kirche. Die Tatsache, dass Dorothee Sölle kein offizielles kirchliches Amt innegehabt habe, besage nichts über den Wirkungskreis ihrer Theologie und ihres publizistischen Schaffens. „Was die Kirche dem Denken Dorothee Sölles verdankt, ist längst nicht mehr eine ‚Randposition’. Es ist eine deutliche Linie unserer Kirche geworden, die sie vor der Konventikelhaftigkeit bewahrt“, so Kock.

Sie habe ihre Anliegen unter anderem durch das Forum des Deutschen Evangelischen Kirchentages einem breiten ökumenischen Publikum vermittelt. Mit ihrem Hinweis "Kirche ist auch außerhalb der Kirche" habe sie viele Menschen weit über den Bereich der Kirchen hinaus angesprochen. Ihre tiefe Spiritualität habe in den Kernanliegen ihrer theologisch-politischen Existenz eine wichtige Rolle gespielt, etwa wenn es ihr darum ging, Gottes Barmherzigkeit „nicht als eine Alternative zur Gerechtigkeit, sondern als ihren tiefsten Ausdruck“ begreiflich zu machen, oder Glauben und Handeln als Einheit von Aktion und Kontemplation zu reflektieren.

Die evangelische Theologin war am Sonntag, dem 27. April, im Alter von 73 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes gestorben. Die Trauerfeier für Dorothee Sölle findet am 5. Mai 2003 um 11 Uhr in der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg statt. Die Traueransprache hält Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter.

Quelle: http://www.ekd.de


Nordelbien trauert
Abschied von Dorothee Sölle in St. Katharinen
Lübecker Bischöfin predigt in Hamburg am 5. Mai

Kiel / Hamburg, 28.4.2003 (epd). Die Nordelbische Kirche trauert um Dorothee Sölle. "Sie war und bleibt das politische Gewissen des Protestantismus", sagte die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen als Vorsitzende der Kirchenleitung am Montag. Sölle war am Sonntag vormittag im baden-württembergischen Göppingen im Alter von 73 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben.

Die Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter wird am kommenden Montag (5. Mai) um 11 Uhr den Trauergottesdienst für die Verstorbene in der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen halten. Sölle habe sich für eine offene ökumenische Kirche engagiert, sagte die Bischöfin. Mit ihrer neuen theologischen und poetischen Sprache habe die Verstorbene "unzähligen modernen Menschen und besonders Frauen die Entdeckung des Evangeliums ermöglicht".

Die Präsidentin der Nordelbischen Synode, Elisabeth Lingner, würdigte Sölle als "Symbol des Aufbruchs aus der Phase der Nachkriegsrestauration". Die Nordelbische Kirche verliere eine "hochgeachtete evangelische Theologin". Die Notwendigkeit, "in die politische Diskussion gerade auch unbequeme christliche Werte einzubringen, wurde von ihr immer wieder angemahnt".

Bischöfin Jepsen bezeichnete Sölle als "eine der großen Gotteslehrerinnen, die mit ihren theologischen und poetischen Texten und mit ihrer Lebenspraxis sehr viele Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche beeindruckt und geprägt hat". Die Verstorbene habe sich vom Evangelium Jesu Christi getragen und beauftragt gewusst, ihre Stimme für die Stummen zu erheben.

Keine Worte des Bedauerns kommen dagegen von der konservativen Gruppe "Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis". Deren Vorsitzender und Hamburger Pastor Ulrich Rüß bezeichnete Sölle als "Protagonistin der politisierenden Theologie und Kirche". Sie habe einseitig ideologische und gesellschaftspolitische Sichtweisen theologisch überhöht. Damit sei Sölle für viele Christen eine Provokation gewesen. (28.4.03/hs/tm)

Quelle: http://www.epd.de


Rau und Kock würdigen Theologin Dorothee Sölle

Berlin / Hannover, 28.4.2003 (epd). Als großen Verlust hat Bundespräsident Johannes Rau den Tod der evangelischen Theologin Dorothee Sölle bezeichnet. Sölle habe sich eingemischt und für eine politische Theologie gekämpft, obwohl sie dabei viel Gegenwind erfahren habe, schrieb Rau am Montag in einem Beileidsbrief an Sölles Ehemann, den Theologieprofessor Fulbert Steffensky. Die am Sonntag im Alter von 73 Jahren gestorbene Theologin sei der festen Überzeugung gewesen, dass Beten zum Handeln führen müsse, schrieb Rau. Theologie und Politik seien für sie nicht zu trennen gewesen.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Manfred Kock, würdigte die breite Wirkung der theologischen und politischen Arbeit Sölles. "Ich bin mit großem Dank erfüllt über das, was sie für das Denken und den Weg unserer Kirche bedeutet hat", schrieb Kock in einem Brief an Steffensky. Die "atemberaubende Radikalität", mit der Sölle die Jesusnachfolge formuliert und gelebt habe, sei prägend für sein eigenes Denken und Reden und den Weg der evangelischen Kirche gewesen, schrieb Kock. "Was die Kirche dem Denken Dorothee Sölles verdankt, ist längst nicht mehr eine Randposition", so der EKD-Ratsvorsitzende. Sölle habe viele Menschen weit über den Bereich der Kirchen hinaus angesprochen, so Kock. Ihre Anliegen habe sie unter anderem durch das Forum des Deutschen Evangelischen Kirchentags einem breiten ökumenischen Publikum vermittelt.

Die Trauerfeier für die Theologin findet am 5. Mai in der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg statt. Die Traueransprache hält die Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter. (04410/28.4.03)

Quelle: http://www.epd.de


Jepsen: Sölle bleibt politisches Gewissen des Protestantismus

Hamburg, 28.4.2003 (epd). Die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen hat mit großer Betroffenheit auf den Tod der evangelischen Theologin und Schriftstellerin Dorothee Sölle reagiert. "Sie war und bleibt das politische Gewissen des Protestantismus", sagte Jepsen am Montag in der Hansestadt. Sölle war am Sonntag im baden-württembergischen Göppingen im Alter von 73 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben.

Jepsen bezeichnete Sölle als "eine der großen Gotteslehrerinnen". Mit ihren theologischen und poetischen Texten und mit ihrer Lebenspraxis habe sie sehr viele Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche beeindruckt und geprägt, fügte die Bischöfin hinzu. Sie habe ihre Stimme "mit aller Klarheit gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung" erhoben und sich niemals einschüchtern lassen. Sölle habe gezeigt, dass "tiefe Frömmigkeit und politische Weltverantwortung sich nicht ausschließen, sondern einander zu ergänzen haben".

Die christliche Reformbewegung "Wir sind Kirche" bezeichnete den Tod Sölles als großen Verlust für die ökumenische Bewegung. Noch könne niemand die ganze Tragweite dieses Verlustes für die Theologie ermessen, erklärte die Bewegung in Bonn. "Wir sind Kirche" würdigte zugleich das Lebenswerk des ebenfalls am Wochenende gestorbenen katholischen Befreiungstheologen Horst Goldstein. Mit dem 1939 geborenen Goldstein und Sölle seien zwei "Stimmen der Gerechtigkeit" für immer verstummt. (04385/28.4.2003)

Quelle: http://www.epd.de


Streitbare "Ikone des linken Christentums" ist tot
Dorothee Sölle erlag 73jährig einem Herzinfarkt

Bad Boll, 28.4.2003 (idea). Eine der umstrittensten evangelischen Theologinnen, Dorothee Sölle (Hamburg), ist tot. Sie erlag am 27. April während einer Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll bei Göppingen, an der sie mit ihrem Ehemann Fulbert Steffensky teilnahm, einem Herzinfarkt. Die streitbare "Ikone des linken Christentums", wie die Medien die Literaturwissenschaftlerin nannten, wurde 73 Jahre alt.

Bekannt war sie in den 60er Jahren durch "Politische Nachtgebete" in Köln geworden. Auf dem Evangelischen Kirchentag 1965 plädierte sie für einen "atheistischen Glauben an Gott". Mit ihrer "Gott ist tot"-Theologie provozierte sie konservative Kreise inner- und außerhalb der Kirche. Die zentrale Aussage des christlichen Glaubens, daß Jesus Christus stellvertretend für die Sünden aller Menschen gestorben sei, interpretierte Dorothee Sölle als Aufruf zur Solidarität mit allen Leidenden.

Bei der Vollversammlung des Weltkirchenrats 1983 im kanadischen Vancouver warf sie den westlichen Kirchen Militarismus und Apartheidtheologie gegenüber der Dritten Welt vor. Die Bundesrepublik Deutschland "mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte" sei "auf Geld und Gewalt aufgebaut". Danach distanzierte sich die EKD von der Befreiungstheologin und Feministin, die von 1975 bis 1987 Professorin am Union Theological Seminary in New York war. In Deutschland erhielt sie keinen Ruf auf einen Lehrstuhl für Theologie. Dies sei "eine der bemerkenswertesten Torheiten" in der jüngeren Kirchengeschichte, befand die nordelbische Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter (Lübeck).

Evangelikale: Gefahr für die Grundlagen des christlichen Glaubens
Für Evangelikale wurde Frau Sölle als Vorkämpferin für eine politisierende Theologie und Kirche zur Reizfigur. Daß eine Hauptrednerin von Kirchentagen heilsnotwendige Glaubensaussagen leugne, ohne von der Kirche korrigiert zu werden, führte zur Gründung von Bekenntnisbewegungen. Aus Protest gegen Bibelarbeiten, in denen gesellschaftspolitische Auffassungen in den Rang von Glaubensbekenntnissen erhoben wurden, rief man zum Boykott von Kirchentagen auf. "Die Schriften und Reden von Frau Sölle gefährden die Grundlagen des christlichen Glaubens", sagte der Vorsitzende der Konferenz Bekennender Gemeinschaften in der EKD, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg), gegenüber idea.

EKD-Ratsmitglied würdigt "Pionierin der politischen Theologie"
In den vergangenen Jahren gab es eine Annäherung zwischen der EKD und Frau Sölle. Sie habe sich zuletzt für eine spirituelle und frömmigkeitsorientierte Praxis eingesetzt, die nicht im Widerspruch zur politischen Praxis stehe, würdigte der Pressesprecher der EKD, Oberkirchenrat Christoph Vetter (Hannover), die Verstorbene. Ein EKD-Ratsmitglied, der Journalist Robert Leicht (Berlin), sagte, Frau Sölle sei "nicht nur eine Pionierin der politischen Theologie, sondern auch der Frauen in der Theologie". Dafür verdiene sie bleibenden Dank.

Quelle: http://www.idea.de


Leben aus dem Geist der Utopie

"Mitten im Leben", so sagt es ein alter evangelischer Choralvers, "wir sind vom Tod umfangen." Dorothee Sölle war sich bewusst, dass es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stand, doch von einem Herzinfarkt Anfang des Jahres hatte sie sich, wie Freunde berichten, eigentlich gut erholt. Den zweiten am frühen Sonntagmorgen überlebte sie nicht; sie starb in einem Krankenhaus im württembergischen Göppingen. Noch am Samstag hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem früheren Benediktinerpater Fulbert Steffensky, an einer Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll teilgenommen. Dort ist die Theologin und Schriftstellerin beinahe Stammgast gewesen und durfte ihre streitbaren Positionen auch in ihren kämpferischsten Jahren vertreten, als ihre Kirche ihr am liebsten den Mund verboten hätte.

Dass sie bis wenige Stunden vor dem Tod für ihre Standpunkte gefochten hat, hat mit der Rastlosigkeit zu tun, die für Dorothee Sölle charakteristisch war, seit sie in den 60er Jahren erstmals von sich reden machte. Sie ist im besten Sinne des Wortes eine Aktivistin gewesen, aber so selbstverständlich für sie der Protest gegen den Vietnamkrieg und später die Teilnahme an Sitzblockaden vor US-Militäreinrichtungen war, hat sie ihr Heil nie allein in Aktionen gesehen. Bei allem, wofür sie stritt, ließ sie sich von ihrem Glauben umtreiben. Eines ihrer großen Werke, Pflichtlektüre für Generationen von Pfarrern, heißt "Mystik und Widerstand", und dieser Titel steht wie ein Programm über ihrem Leben.

Ein Dorn im Auge
Die 1929 in Köln geborene Schwester des Historikers Thomas Nipperdey, die als meistgelesene Theologin der Gegenwart gilt, geriet mit konservativen Kreisen ihrer Kirche schon früh über Kreuz. Der katholischen Kirche war die streitbare Protestantin ohnehin ein Dorn im Auge, seit sie 1969 einen früheren Ordensmann heiratete. Im Jahr zuvor hatte sie auf dem Essener Katholikentag mit einer provozierenden Veranstaltung Aufmerksamkeit erregt, die die ängstlichen Organisatoren auf den späten Abend verlegten und die seitdem "Politisches Nachtgebet" heißt. Angefangen hatte alles mit einer Prozession unter dem Motto "Vietnam ist Golgotha" in der Kölner Schildergasse. Bis 1972 haben die legendären Gottesdienste in der Antoniterkirche stattgefunden.

"Irgendwann dämmerte uns", sagte Dorothee Sölle einmal, "dass wir uns nicht nur theoretisch mit theologischen Fragen beschäftigen durften, sondern dass diese Beschäftigung in eine Art Praxis einmünden muss." Eine "herzensgute Träumerin vor dem Herrn" hat der "Spiegel" die Theologin anlässlich ihres 70. Geburtstags genannt. Sie, die ihre meisten Anhänger stets unter den "kirchlichen Randsiedlern" hatte, hat stets aus dem Geist der Utopie gelebt. Was sie nach den Erfahrungen mit der Nachrüstung Mitte der 80er Jahre in ihrem Buch "Das Fenster der Verwundbarkeit" geschrieben hat, liest sich fast wie eine Botschaft aus diesen Tagen: "Nein, der Zweck Frieden heiligt die Mittel der Vernichtung nicht. Die Wahrheit ist, dass die Mittel den Zweck auffressen, wenn sie in einem absoluten Gegensatz zum Zweck stehen." (HARALD BISKUP)

Aus: Kölner Stadt-Anzeiger, 28.4.2003
Quelle: http://www.ksta.de


"Wählt das Leben"
Dorothee Sölle: Für die Theologin gehörten Kampf und Kontemplation zusammen

Die Nachricht vom Tod von Dorothee Sölle, der unentbehrlichen Weggefährtin im "Nein zum Krieg" und im unverdrossenen, widerständigen "Ja zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung" – macht stumm. Für die Erinnerungen, die mir seither durch den Kopf stürmen, sind nur schwer Worte zu finden. Ich habe ihre Bücher auf meinem Schreibtisch aufgetürmt – dicke Bände und Gedichthefte – wie ein Gegenbeweis zum unabänderlichen Abschied.

Der biblische Imperativ "Wählt das Leben" ist für sie nicht nur der Titel eines ihrer Bücher, sondern die Herausforderung, die hinter jeder theologischen und zugleich politischen Äußerung steht. Damit meinte Dorothee Sölle das große Ja, mit dem Glaubende allen verneinenden und tödlichen Kräften in der Gesellschaft und in der eigenen Seele entgegenzutreten vermögen. Es bedeutet, neu zu erfahren, dass der Weg Jesu für unser Leben "nicht endete, als er zu Tode gefoltert wurde; alles fing erst richtig an. Das nennen wir Auferstehung." Die Beschreibung dieser Erfahrung ist für Dorothee Sölle Kernpunkt der christlichen Tradition: Glauben, Sünde, Kreuz, Christus, Auferstehung – beschreibt sie mit biblischen Texten verwurzelt immer im konkreten gesellschaftlich-politischen Kontext unserer heutigen Situation, deren "objektiver Zynismus" den Widerstand aus der Kraft des Glaubens herausfordere. Deshalb schreibt sie darüber, "wie den Menschen Flügel wachsen – zur Umkehr aus dem Gewaltsystem".

"Aufrüstung tötet auch ohne Krieg." So begann ihre Rede auf der großen Friedenskundgebung am 10. Oktober 1981 in Bonn. Dorothee Sölle gehört wohl zu den bekanntesten Sprecherinnen der Friedensbewegung. Ihre wichtigsten Reden und Aufsätze sind glücklicherweise gedruckt und fordern darum ständig aufs Neue Engagement als "Protest für die Schöpfung" heraus.

Ihre Gedichte habe ich oft wie einen Doppelpunkt zwischen Referaten und Manuskripten empfunden. Zum Beispiel "Frei nach Brecht":

meine junge tochter fragt mich / griechisch lernen wozu
sym-pathein sage ich / eine menschliche fähigkeit
die tieren und maschinen abgeht
lerne konjugieren / noch ist griechisch nicht verboten

Dorothee Sölle hat als Altphilologin nicht nur ihre Lehrer, auch ihre Freunde ständig befragt und sich von Schülern, Studenten, ihren eigenen Kindern und schließlich Enkelkindern fragen lassen. Sie hat geschrieben, referiert, gepredigt und Interviews gegeben bis an den Rand ihrer physischen Möglichkeiten. Ihre Nachdenk-Arbeit hatte verlässliche Herausforderungen und Zuspruch in der Liebe zu und von ihrem Mann Fulbert Steffensky und pars pro toto ihrer Freundin Luise Schottroff. Helmut Gollwitzer sagte in freundschaftlicher Sympathie, dass an Dorothee Sölles Art, das Evangelium als Inspiration neu zu lesen und gemeinsam neu zu leben, sich auch weiterhin die Geister scheiden werden.

Kein Theologe hat wie sie in vier Jahrzehnten nicht nur Kirchen und Theologen öffentlich zu ständiger Auseinandersetzung in Vorträgen und Büchern herausgefordert: Auf Kirchentagen und Tagungen der Evangelischen Akademien, vor Studenten, auf Friedensdemonstrationen und Protestkundgebungen ging es ihr um "jetzt und hier". Aber zugleich auch um solidarische Verbundenheit weltweit mit denen, deren Leben immer ärmer durch den wachsenden Reichtum der Reichen wird. Für die Revolution in Nikaragua hoffte sie mit engen Freunden wie Ernesto Cardinal, Frei Betto und Leonardo Boff.

Wen wundert es da, dass die Theologischen Fakultäten in Deutschland sich nicht entschließen konnten, sie auf einen Lehrstuhl zu berufen? Erst im UNO-Jahr der Frau 1975 bekam sie eine Berufung nach Amerika an das Union Theological Seminary in New York auf den Lehrstuhl von Paul Tillich, der 1933 Deutschland wegen des Faschismus verlassen musste. Hier hat sie Gelegenheit bekommen, ihre politische Theologie zu lehren, die sie sich in Begegnungen mit "Christen für den Sozialismus" im "Politischen Nachtgebet" und im Kontext feministischer Theologie erarbeitet hatte.

Dorothee Sölle bekannte sich als Pazifistin, redete auf vielen Friedensdemonstrationen in West und Ost, zum Beispiel gegen den NATO-Doppelbeschluss, auf der Freien Heide gegen die Wiedererrichtung eines Bombodroms im Brandenburgischen.

Nach ihrem Vortrag bei der Evangelischen Akademie Bad Boll zum Thema "Gott und das Glück" ist Dorothee Sölle nicht zu ihrer Familie und ihrem Schreibtisch zurückgekehrt. Für das Programm des Ökumenischen Kirchentages im Mai in Berlin hatte sie für das Podium "Wes’ das Herz voll ist – der muss handeln" zugesagt, auch mit Vertretern der Wirtschaft zu diskutieren. Ebenso auf dem Podium "Kirche – Banken – Weltfinanzsystem". Denn sie forderte unermüdlich, "Gerechtigkeit zu globalisieren".

Dorothee Sölle hat uns durch ihr Denken – gesprochen oder gedruckt – nachdrücklich an ihrem Leben beteiligt: "Sich einmischen heißt Widerstand organisieren und der profitablen Zerstörung um Gottes willen Einhalt gebieten."

Bleibt uns, ihr dankbar zu versprechen, ihre Ermutigung und Herausforderung für uns und andere im Leben zu behalten: "Frei werden wir erst, wenn wir uns mit dem Leben verbünden gegen die Todesproduktion und die permanente Tötungsvorbereitung. Frei werden wir weder durch Rückzug ins Private, ins ›ohne mich‹ noch durch Anpassung an die Gesellschaft, in der Generale und Millionäre besonders hoch geachtet werden. Frei werden wir, wenn wir aktiv, bewusst und militant für den Frieden arbeiten lernen." (Heinrich Fink)

Aus: Neues Deutschland, 28.4.2003
Quelle: http://www.nd-online.de


Mit Dorothee Sölle starb die Ikone eines linken Christentums

Göppingen / Hamburg, 28.4.2003 (dpa). Seit der 68er-Studentenbewegung galt Dorothee Sölle als Ikone eines linken, engagierten Christentums. Politik und Glaube waren für die ebenso liebenswürdige wie streitbare Theologin und Schriftstellerin untrennbar. Gegen den Vietnamkrieg, den NATO-Doppelbeschluss oder die Ausbeutung der Dritten Welt demonstrierte sie nicht nur in politischen Streitschriften, sondern handelte sich auch wegen Sitzblockaden gegen US-Einrichtungen Geldstrafen ein.

"Hatte etwa die Kreuzigung Jesu nichts mit Politik zu tun?", fragte die Hamburger Theologin - sie gilt als meistgelesene religiöse Autorin der Gegenwart - einmal. Am Sonntagmorgen starb sie, offenbar nach einem zweiten Herzinfarkt, im Alter von 73 Jahren in einem Krankenhaus in Göppingen (Baden-Württemberg). Noch am Samstag hatte sie zusammen mit ihrem Mann Fulbert Steffensky, einem früheren Benediktinermönch, als Hauptreferentin bei einem Seminar der Akademie Bad Boll teilgenommen - ausgerechnet zu dem Thema "Gott und das Glück", als hätte eine höhere Instanz Regie geführt.

Nach mehren Jahrzehnten Pause fing Sölle vor einigen Jahren an, wieder im Kirchenchor zu singen. Auch dem Klavierspiel widmete sie sich - wie früher schon einmal. In ihrem schönen alten Haus im Hamburger Nobel-Stadtteil Othmarschen stand das Klavier am Fenster. Kinderspielzeug und Kinderkarre lagen dort herum; Sölle lebte in einem Drei-Generationen Haushalt gemeinsam mit Ehemann, Tochter, Schwiegersohn und Enkelkind.

Um die unermüdliche Kämpferin gegen Militarismus, Gewalt und Unterdrückung war es zuletzt ruhiger geworden, nicht nur krankheitsbedingt. "In den letzten Jahren lag ihr daran, eine spirituelle und frömmigkeitsorientierte Praxis zu beschreiben und zu gewinnen, die nicht im Widerspruch zur politischen Praxis steht", sagte der Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Christoph Vetter, in einer ersten Reaktion zur Todesnachricht. Eine Grundüberzeugung Sölles lautete: "Kirche und Staat sind vielleicht trennbar, doch der Geist des Glaubens und der Politik nicht."

"Ich bin überhaupt nicht kirchlich beschädigt. Mein Christentum ist vollkommen freiwillig", sagte die Tochter des Kölner Arbeitsrechtlers Hans Carl Nipperdey einmal. "In meiner Jugend habe ich sehr mit dem Nihilismus gerungen, ich suchte nach Orientierung." 1949 begann sie zu studieren, zunächst klassische Philologie, dann Philosophie, Literaturwissenschaften und Theologie. Als Theologin lehrte sie wechselweise in Hamburg und den USA.

Vor allem die Schrecken des Zweiten Weltkrieges haben Sölle geprägt. "Mein Glaube kommt aus der deutschen Erschütterung, aus Auschwitz." So gehörte sie in den 60er Jahren zu jenen Theologen, die eine Entmythologisierung der Bibel propagierten und eine "Theologie nach dem Tode Gottes" entwarfen; legendär sind ihre zahlreichen Auftritte auf Kirchentagen, nicht zuletzt die in den 60er Jahren begründeten "Politischen Nachtgebete".

Unumstritten waren ihre Positionen nie. Ihre Referat 1983 vor dem Weltkirchenrat in Vancouver war nach Meinung des damaligen EKD- Ratsvorsitzenden eine "Randposition". Ihre Werke wurden oft als "undifferenziert" und "naiv" verrissen. Vielen war die zarte Frau mit ihren radikalen Thesen unbequem. "Ich war oft allein. Doch jetzt glaube ich, dass die Kirche sich etwas geläutert hat", sagte sie im Alter. Ein Zeichen sei die Bereitschaft vieler Gemeinden, Asylbewerber aufzunehmen. Die Bergpredigt könne doch nicht als "dumm" abgetan werden. Sie enthalte "unaufgebbare Forderungen" an uns alle. Zu ihrem viel beachteten Buch "Mystik und Widerstand" (1997) erklärte sie: "Dies sind die beiden Grundtendenzen, die ich in meinem Leben verfolgt habe."

Aus: Die Harke, 28.4.2003
Quelle: http://www.dieharke.de


Evangelische Theologin Dorothee Sölle gestorben
73-Jährige erlitt während Seminars zweiten Herzinfarkt

AFP, 28.4.2003. Die evangelische Theologin Dorothee Sölle ist in einem Krankenhaus im baden-württembergischen Göppingen gestorben. Sölle erlag im Alter von 73 Jahren einem Herzinfarkt, wie die Leiterin der nahegelegenen Evangelischen Akademie Bad Boll, Godlind Bigalke, mitteilte. Die Theologin hatte dort mit ihrem Ehemann als Referentin an einem Seminar teilgenommen. In der Nacht zum Sonntag habe ihr Mann den Notarzt gerufen, weil seine Frau Herzprobleme bekam. Sölle war auch als Friedensaktivistin, Feministin und Autorin zahlreicher Bücher bekannt. Sie galt als meistgelesene theologische Schriftstellerin. Die 73-Jährige hatte vor einiger Zeit bereits einen ersten Herzinfarkt gehabt, von dem sie sich aber nach Angaben Bigalkes gut erholt hatte. Die Theologin habe sich darauf gefreut, Ende Mai am ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin teilzunehmen.

Die am 30. September 1929 in Köln geborene Sölle hatte neben Theologie auch Germanistik, Philosophie und alte Sprachen studiert. Trotz ihrer Habilitation im Jahr 1971 erhielt die unter ihren Kollegen wegen ihrer theologischen Aussagen umstrittene Wissenschaftlerin in Deutschland nie einen Lehrstuhl. Zeitweise arbeitete sie als Studienrätin. Von 1975 bis 1987 dozierte sie als Professorin für Systematische Theologie am Union Theological Seminary in New York. Erst 1994 wurde sie zur Ehrenprofessorin der Universität Hamburg ernannt. Zu ihren theologischen Bücher zählen "Politische Theologie", "Atheistisch an Gott glauben" und "Gott im Müll".

Auf kircheninterne Kritik war Sölle bereits 1965 mit ihrer ersten größeren Veröffentlichung "Stellvertretung. Ein Kapitel Theologie nach dem Tod Gottes" gestoßen. Von einer "Gott-ist-tot-Theologie" war daraufhin die Rede. Sölle sprach selbst von einer Absage an einen allmächtigen Gott, der sich für die Menschen nicht interessiert oder an einen "Papa-wird's-schon-richten-Gott". Sie trat ein für eine enge Verbindung von theologischer Wissenschaft und christlicher Lebenspraxis. Politisch engagierte sich Sölle in der Friedensbewegung, zuletzt bei Protesten gegen den Irak-Krieg. Sie solidarisierte sich mit Befreiungsbewegungen in Nicaragua und El Salvador. Sitzblockaden gegen im schwäbischen Mutlangen stationierte NATO-Mittelstreckenraketen oder vor einem Giftgasdepot trugen ihr Verurteilungen wegen versuchter Nötigung ein.

Aus: Freie Presse, 28.4.2003
Quelle: http://www.freiepresse.de


Linke Irrtümer sind stets Irrtümer guten Glaubens
Die Theologin und Friedenskämpferin Dorothee Sölle ist 73-jährig gestorben
Sie hat ein streitbares Leben geführt

Die Nachricht vom Tod Dorothee Sölles überrascht, weil sie noch allenthalben präsent war, auf Demonstrationen, bei Debatten mit theologischem Dekorum wie mit politischem. Und zugleich sieht man sich einem Zwiespalt ausgeliefert, weil man das "de mortuis nil nisi bene" verinnerlicht hat. Dem steht jedoch ein streitbares Leben gegenüber, in dem sich eine gewisse Naivität der Weltdeutung mit dem Glaubensatz paarte: "Ich denke, dass wir alle nicht ganz zu Hause sind in der Kirche, in der wir leben. Wirkliche Kirche braucht Visionen, Aufbruch, das Volk Gottes wandert, es hockt nicht in römischen Palästen. Ecclesia semper reformanda."

Und sie beanspruchte, dass ihr die Erkenntnis gegeben sei, wie die Kirche reformiert werden müsse. Das verraten schon die Titel ihrer Bücher. "Stellvertretung. Ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes" schrieb sie 1965, "Atheistisch an Gott glauben" drei Jahre später. Und wenn sie den Titel "Die Wahrheit ist konkret" wählte, griff sie auf einem Satz zurück, der Lenins Lieblingssentenz gewesen sein soll, wie auch Sölles "Die revolutionäre Geduld" Lenins "Kritik der revolutionären Ungeduld" paraphrasiert.

Dorothee Sölle, 1929 in Köln geboren - der Historiker Thomas Nipperdey war ihr Bruder - studierte in ihrer Heimatstadt wie in Freiburg und Göttingen Theologie, Philosophie und Literaturwissenschaft. Während sich ihre Dissertation noch mit einem literarischen Thema beschäftigte, der "Struktur der Nachwachen des Bonaventura", untersuchte sie in ihrer Habilitationsschrift 1971 bereits "das Verhältnis von Theologie und Dichtung".

Ihren Berufsweg begann sie im Schuldienst, ehe sie sich der Schriftstellerei zuwandte. Dabei rückte ihre politische Theologie immer stärker in den Vordergrund. Denn ihr Damaskus war 1972 eine Reise nach Nordvietnam, der später eine zu den Sandinisten nach Nicaragua folgte. Sie forderte einen "anderen Protestantismus", lehrte eine "Entmythologisierung" der Bibel, denn Theologie im 20. Jahrhundert sei eine "Theologie nach dem Tode Gottes". Das schlug sich bei ihr in vielerlei politische Aktivitäten außerhalb des Öffiziösen nieder. Sie war bei den Demonstrationen 1983 in Mutlangen genau so dabei wie sie kürzlich gegen den drohenden Irak-Krieg auftrat. "George Bush junior lässt sich zwar nicht Kaiser oder Cäsar nennen, aber er verlangt immer klarer absoluten Gehorsam und unbedingte Solidarität, um den wachsenden Wohlstand der Reichen in seinem Land zu sichern", erklärte sie. Und fuhr fort: "Das Beste, was diesem Kaiser passieren konnte, geschah am 11. September 2001. Der Terroranschlag hat ihn ermächtigt. Seine Beliebtheit verdoppelte sich. Seine Einteilung der Welt in "gut' und "böse' setzte sich in den USA zunächst durch, gemeint ist mit gut immer "gut für uns'."

Ihre Absage an die Gewalt korreliert mit einer Theorie des Ursprungs der Gewalt, die alle Revolutionäre für sich beanspruchen: "Wir leben in einem Kreislauf der Gewalt und sind in ihm gefangen. Unser Gefängnis ist sicher das best tapezierteste der Weltgeschichte, aber gefangen sind wir doch im Kreislauf der Gewalt, die Gegengewalt erzeugt. Terror fordert Gegenterror. Gibt es denn keine Freiheit mehr, aus dem Zirkel auszubrechen?" Den Ausweg sah sie nur am linken Rand des politischen Spektrums. Sie unterschrieb die "Erfurter Erklärung", die für ein Bündnis von SPD, Grünen und PDS eintrat. Sie gehörte zu denen, die Manfred Stolpes Stasi-Verstrickung als Bagatelle abtat, weil linke Irrtümer stets Irrtümer guten Glaubens sind. Ihr politisches Ziel war "Widerstand gegen Staatsterrorismus", den sie in den westlichen Demokratien am Werk sah.

Dorothee Sölle machte es darum ihren Anhängern wie ihren Feinden leicht. Die einen lobten sie, weil sie "das Prinzip Hoffnung mit dem Prinzip Verantwortung" zu verbinden verstünde. "Kirche und Staat sind vielleicht trennbar, doch der Geist des Glaubens und der Politik nicht", war eine ihrer Thesen, die doch auf ein vorreformatorisches Politikverständnis zurückweist. Die, die sie ablehnten, sahen in ihrer Politisierung der Theologie vor allem jene sehr deutsche Verachtung jeglicher Politik verkörpert, die alle Kompromisse ablehnt und darum zu konstruktivem politischen Handeln unfähig ist. Diese Gegensätze lassen sich nicht überbrücken. Sie werden jedoch, weil sie die Welt in gut und böse aufspalten, dafür sorgen, dass Dorothee Sölle vorerst nicht vergessen wird. (Peter Dittmar)

Aus: Die Welt, 28.4.2003
Quelle: http://www.welt.de


Dorothee Sölle gestorben
Über "Gott und das Glück"

Bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt sprach Dorothee Sölle über "Gott und das Glück" und las den Gästen der Evangelischen Akademie in Bad Boll Gedichte vor. Wenige Stunden später, am Sonntagmorgen, starb die evangelische Theologin an einem Herzinfarkt. Einen Lehrstuhl hat die Autorin vieler theologischer Bücher ("Atheistisch an Gott glauben"1968, "Mystik und Widerstand", 1997) in Deutschland nie erhalten, dennoch zählt sie zu den bekanntesten deutschen Theologen. Sölle trat bei evangelischen Kirchentagen und Katholikentagen auf, sprach in Gemeinden und Bildungseinrichtungen und lehrte zwischen 1975 und 1987 als Professorin für Systematische Theologie in New York.

Die 1929 geborene Kölnerin, die neben evangelischer Theologie auch Germanistik, Philosophie und alte Sprachen studiert hatte, trat für eine enge Verbindung von theologischer Wissenschaft und christlicher Lebenspraxis ein. Geprägt hatten sie vor allem die Schrecken des Zweiten Weltkriegs. "Mein Glaube kommt aus der deutschen Erschütterung, aus Auschwitz."

Glaube und Politik waren für die Mitbegründerin des "Politischen Nachtgebets" untrennbar miteinander verknüpft. Sie forderte eine gerechte Wirtschaftsordnung, solidarisierte sich mit den Befreiungsbewegungen in Nicaragua und El Salvador und engagierte sich in der Friedensbewegung - bei Sitzblockaden gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Mutlangen und jüngst gegen den Irak-Krieg. Vielen Kirchenoberen war die zierliche Frau mit ihren radikalen Thesen jedoch zu unbequem. "Ich war oft allein. Doch jetzt glaube ich, dass die Kirche sich etwas geläutert hat", sagte sie rückblickend.

Mit ihrem Mann Fulbert Steffensky, einem früheren Benediktinermönch, lebte Sölle in Hamburg, und zusammen traten die beiden auch in Bad Boll auf. Sie freute sich sehr auf den ersten Ökumenischen Kirchentag Ende Mai in Berlin. "Lebendige Kirche ist für mich ökumenisch, feministisch und mystisch." Viele werden sie dort schmerzlich vermissen. (Maria Wetzel)

Aus: Stuttgarter Nachrichten, 28.4.2003
Quelle: http://www.stuttgarter-nachrichten.de


Streitbare Friedensaktivistin
Zum Tod der deutschen Theologin Dorothee Sölle

sda/afp/dpa, 28.4.2003. Die evangelische Theologin Dorothee Sölle ist gestern in einem Spital im baden-württembergischen Göppingen gestorben. Sie erlag im Alter von 73 Jahren einem Herzinfarkt. Sölle war als Friedensaktivistin, Feministin und Autorin zahlreicher Bücher bekannt. "Kirche und Staat sind vielleicht trennbar, doch der Geist des Glaubens und der Politik nicht", sagte sie einmal. Gegen die "Amerikanisierung" des Lebens in Europa zog die streitbare Theologin gern zu Felde. "Die Privatisierung vieler gesellschaftlicher Bereiche ist überaus schädlich. Es darf nicht immer nur im Vordergrund stehen, ob sich die Dinge rechnen oder nicht", war Sölles Meinung. Sie galt als meistgelesene theologische Schriftstellerin. Die 73-Jährige hatte vor einiger Zeit bereits einen ersten Herzinfarkt gehabt, von dem sie sich aber erholt hatte. Die Theologin wollte Ende Mai am ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin teilnehmen.

Die am 30. September 1929 in Köln geborene Sölle hatte neben Theologie auch Germanistik, Philosophie und alte Sprachen studiert. Trotz ihrer Habilitation im Jahr 1971 erhielt die unter ihren Kollegen wegen ihrer theologischen Aussagen umstrittene Wissenschaftlerin in Deutschland nie einen Lehrstuhl. Von 1975 bis 1987 dozierte Sölle als Professorin für Systematische Theologie am Union Theological Seminary in New York. Erst 1994 wurde sie zur Ehrenprofessorin der Universität Hamburg ernannt. Zu ihren theologischen Büchern zählen "Politische Theologie", "Atheistisch an Gott glauben" und "Gott im Müll".

Auf kircheninterne Kritik war Sölle bereits 1965 mit ihrer ersten größeren Veröffentlichung "Stellvertretung. Ein Kapitel Theologie nach dem Tod Gottes" gestoßen. Von einer "Gott-ist-tot-Theologie" war daraufhin die Rede. Sölle selbst sprach von einer Absage an einen allmächtigen Gott, der sich für die Menschen nicht interessiert oder an einen "Papa-wird's-schon-richten-Gott". Politisch engagierte sich Sölle in der Friedensbewegung, zuletzt bei Protesten gegen den Irak-Krieg. 1968 sorgte sie auf dem Katholikentag in Essen mit einem Politischen Nachtgebet für Aufsehen. Sie solidarisierte sich mit Befreiungsbewegungen in Nicaragua und El Salvador. Zu Dorothee Sölles literarischen Werken zählen die Lyrik-Bände "Die revolutionäre Geduld", "Zivil und ungehorsam" oder "Verrückt nach Licht". In den letzten Jahren lebte die Theologin als freie Schriftstellerin in Hamburg.

Aus: Appenzeller Zeitung, 28.4.2003
Quelle: http://www.tagblatt.ch


Gott braucht uns
Zum Tod der Theologin Dorothee Sölle

ujw, 28.4.2003. Sie gehörte zu den verlässlichsten Protestantinnen der deutschen Bundesrepublik: kaum ein öffentlicher Appell - gegen den Vietnam-Krieg, gegen den Nato-Doppelbeschluss, für das revolutionäre Nicaragua -, der nicht auch die Unterschrift von Dorothee Sölle trug. Die 1929 geborene Theologin, für die weder die Grenzen zwischen den christlichen Konfessionen noch die zwischen den Religionen der Welt unüberwindliche Schranken zu sein schienen, ist nie eine "ordentliche" Professorin an einer deutschen Universität gewesen; sie hat aber - als Hamburger Privatdozentin für neuere deutsche Literaturgeschichte - zwischen 1975 und 1987 eine Gastdozentur am renommierten Union Theological Seminary in New York wahrgenommen.

Dort hatte man offenkundig weniger Probleme mit Sölles entschieden politischer Theologie - einer Theologie, die den Glauben vom Engagement ebenso wenig getrennt halten wollte wie vom Wissen oder von der Poesie. Bei der Kritik hat Sölles "Theopoesie" wenig Gnade gefunden; manch einer witterte weltanschaulichen Kitsch ("Vom Baum lernen"). Dem Erfolg beim Lesepublikum tat das keinen Abbruch; genauso wenig wie der Umstand, dass Dorothee Sölle unter "Fachtheologen" als Leichtgewicht galt. Ihre zahlreichen Bücher, bis hin zur Autobiographie "Gegenwind" und zum 1997 erschienenen Werk über "Mystik und Widerstand", verkauften sich gut - nicht nur unter protestantischen Pfarrerinnen und Pfarrern.

Bemerklich in Erscheinung getreten war Dorothee Sölle erstmals auf dem Essener Katholikentag 1968; das "politische Nachtgebet" gehört seither zur Innenausstattung der interkonfessionellen Kirchentagskultur. Am sogenannten christlich-marxistischen Dialog hat sie ebenso mitgewirkt wie an der politischen Akzentuierung einer feministischen Theologie; auch die lateinamerikanische Befreiungstheologie hatte in ihr eine beredte Fürsprecherin. Sölle wandte sich, wie sie es hin und wieder formulierte, gegen den "Papa- wird's-schon-richten-Gott", gegen religiöse Schicksalsergebenheit mithin. Das immerhin ist auch von vielen ihrer Fachkollegen respektiert worden, auch von solchen, denen Sölle'sche Wendungen wie "Gott braucht uns, und wir brauchen Gott" Kopfzerbrechen bereiteten. - Am gestrigen Sonntag ist Dorothee Sölle im Alter von 73 Jahren in einer Klinik in Göppingen an den Folgen eines Herzinfarktes gestorben.

Aus: Neue Zürcher Zeitung, 28.4.2003
Quelle: http://www.nzz.ch


Fromme Menschen sind radikal
Politik im Geist des Evangeliums
Zum Tode der Theologin, Poetin und Friedensaktivistin Dorothee Sölle

Wenn man von einer Person sagt, sie sei umstritten gewesen, dann klingt das noch im Respekt wie eine Distanzierung. Aber wenn man von einem Theologen – oder eben einer Theologin – sagt, sie sei nicht umstritten gewesen, dann kann man auch gleich sagen: Er oder sie sei gar kein Theologe, keine Theologin gewesen.

Dorothee Sölle, die am gestrigen Sonntag im Alter von 73 Jahren gestorben ist, war immer beides auf legitime Weise gewesen, Theologin und umstritten. Wer Gottes Wort in dieser Welt weitersagt, kann gar nicht anders leben als in zwei Dimensionen: im Zuspruch wie im Einspruch. Und wer, wie Dorothee Sölle in einem ihrer bekanntesten Bücher über die "Stellvertretung – Ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes" (1965), also über die Nachfolge Jesu schreibt, der muss auch im Widerspruch leben. Zumindest im Widerspruch zu den Mächtigen und Selbstzufriedenen und Bequemen. (Übrigens auch im Widerspruch zu ebenso anerkannten Theologen, die ihre Vorstellung der ‚Stellvertretung' nicht ganz ohne Grund auch kritisch betrachteten.)

Und erst recht muss im Einspruch und im Widerspruch leben, wer die politischen Dimensionen der Nachfolge Jesu sichtbar macht, zum Beispiel in den zu Recht schon kirchengeschichtlich berühmt gewordenen "Politischen Nachtgebeten", die Dorothee Sölle mit ihrem Mann, dem vormaligen Benediktinermönch Fulbert Steffensky konzipiert hatte, in Köln, vordem. Aber wer die Politik aus den Folgen des Evangeliums heraushalten will, der betreibt beides – schlechte Politik und das falsche Evangelium.

In Köln ist sie auch geboren, am 30. September 1929, als Tochter des Arbeitsrechtlers Hans Carl Nipperdey. Nach dem Krieg studiert Sölle in der Stadt am Rhein sowie in Freiburg und Göttingen Theologie, unterrichtet im höheren Schuldienst, macht sich in den Sechzigerjahren als Schriftstellerin einen Namen. Und als Feministin, Ökologin, Friedenskämpferin. Sie besucht Nordvietnam und Nicaragua, protestiert gegen den Nato-Doppelbeschluss zur Nachrüstung und blockiert Mutlangen. In den Achtzigern lehrt sie Systematische Theologie in New York, plädiert nach dem Fall der Mauer für eine langsame Gangart der Wiedervereinigung, tritt 1995 in den Ost-PEN ein, veröffentlicht ihre Erinnerungen unter dem Titel "Gegenwind" und engagiert sich für das Asylrecht. Zuletzt kritisierte sie vor einem Jahr den Afghanistan-Krieg und George W. Bushs Außenpolitik nach dem 11. September, in einem gemeinsamen Aufruf mit Intellektuellen wie Carl Amery, Walter Jens und Günther Wallraff.

Dorothee Sölle also war streitbar, aber das aus schlichter Frömmigkeit. Es ist ja oft so, dass ganz fromme Menschen ganz radikal sind. Manchmal wünschte man sich, das müsste nicht immer so sein. Aber noch mehr wünschte man sich, dass die Kritiker dieser Frommen nicht so von Hass erfüllt wären. Dorothee Sölle war von sehr vielen bewundert worden, ihre Bücher, darunter "Welches Christentum hat Zukunft?" (1990) sowie "Mystik und Widerstand" (1997) wurden von sehr vielen aufmerksam gelesen. Aber die ja immer auch berechtigte Kritik am Wirken eines jeden von uns ist ihr gegenüber so oft umgeschlagen in heftige Ablehnung, in die Verweigerung der Anerkennung, dass manche sich dessen schämen sollten, was sie ihr in frühen Jahren angetan und vorenthalten haben. Eine Ablehnung, die immer wieder nicht nur der Theologin, sondern auch der selbstbewussten Frau entgegenschlug.

"Religion lehrt sterben. Wir wohnen kurz auf geliehener Erde", sagte sie einmal. Am Wochenende hatte die linke Christin an einem Seminar der Evangelischen Akademie Bad Boll teilgenommen. Dort erlitt sie einen Herzinfarkt und starb nun in einer Göppinger Klinik. Dass Dorothee Sölle nicht nur eine Pionierin der politischen Theologie war, sondern auch der Frauen in der Theologie – dafür gebührt ihr bleibende Dankbarkeit. (Robert Leicht)

Aus: Tagesspiegel, 28.4.2003
Quelle: http://www.tagesspiegel.de


Die schwache, starke Poesie der Hoffnung
Dorothee Sölle ist im Alter von 73 Jahren während einer Tagung in Bad Boll gestorben
Theologin ohne Kirchenbindung

Der zweite, der tödliche Herzinfarkt ereilte Dorothee Sölle ausgerechnet während der Tagung "Gott und das Glück". Die evangelische Theologin, die das Leiden der geschundenen Kreatur zu ihrem Thema gemacht, die in einer unnachgiebigen, geradezu penetranten Weise zum Kampf gegen das Unglück in der Welt aufgerufen hat, starb am Wochenende, während sie mit ihrem Mann Fulbert Steffensky an der Evangelischen Akademie Bad Boll über das Glück philosophierte.

Aber Glück von Gott? Das erwartete Dorothee Sölle nicht. Für die 1929 in Hamburg geborene Theologin war Gott als Geber alles Guten, als Herrscher über die Welt tot. Nach Auschwitz konnte er nur tot sein. Selbst an ein alles besiegendes Glück im ewigen Leben mochte Sölle nicht glauben. Wenn das Christentum eine Botschaft hatte, dann die: Hier gilt's, auf der Erde. Und wenn die Menschen eine Verheißung hatten, dann die: Gottes Menschwerdung unter ihnen sicherzustellen.

Die Bergpredigt ist das Zentrum von Sölles Theologie, die sich zwar in vielen Büchern, nicht aber in geschlossenen akademischen Systemen niedergeschlagen hat. Nie wurde Sölle, die meistgelesene deutsche Theologin, auf einen universitären Lehrstuhl berufen. Die evangelische Kirche in Deutschland hatte sich 1983 formell von ihr distanziert, weil Sölle die Bergpredigt unmittelbar, geradezu fundamentalistisch ruhestörerisch als Aufruf zu Taten las. Sie wollte nicht Theologin sein, sondern "Theologie treiben". "Selig die Armen, denn ihrer ist das Himmelreich" - das hieß für Sölle, so aufzustehen gegen den Kapitalismus, wie einst die Bekennende Kirche gegen Hitler aufgestanden war.

"Es klebt Blut an den Palästen der Banken" rief sie. Die "barbarische" Globalisierung, der Druck der Ökonomie auf die Politik fördere die Verelendung der Dritten Welt. "Wir leben unter einem neuen Totalitarismus, der weit cleverer und geschickter ist als die beiden anderen totalitären Herrschaftsformen, die wir kennen gelernt haben. Er brüllt nicht Kommandos herum, er spricht mit softer Stimme und beherrscht doch alles."

Sölles Widerstandsgeist erwachte um 1968 im Zuge der "Politischen Nachtgebete", die sie in Köln ausrichtete, als sie sich nicht mit einer rein betrachtenden Bibelauslegung abfinden wollte. Sie lernte in Vietnam die Folgen des Krieges kennen und die Kraft der Befreiungstheologie in Lateinamerika. Mit diesen Erfahrungen und ihrer eindringlichen Beredsamkeit wurde sie in Deutschland zum Aushängeschild der Friedensbewegung um 1979, um die Zeit des Nato-Doppelbeschlusses. Natürlich blockierte auch sie das Raketendepot Mutlangen und wurde gerichtlich verurteilt. Sie kämpfte für Fische und Bäume ebenso wie für die von Wessis nach der Wende übervorteilten Ostdeutschen.

Mit ihren Vorträgen und Bibelarbeiten füllte Dorothee Sölle größte Hallen auf allen Kirchen- und Katholikentagen. Aber eben nicht, weil sie als "radikal-demokratische Sozialistin" politische Propagandareden hielt und den Zuhörern ein schlechtes Gewissen einimpfte, sondern weil sie - die es schon in Auftreten und Tonfall beinahe verstand, das Weltleid physisch zu verkörpern - eine Art Poesie der Hoffnung entfaltete. "Mystik und Widerstand, du stilles Geschrei" heißt eines ihrer Hauptwerke.

Sölle war Feministin, Pazifistin, Befreiungstheologin; ihre sanfte, sehr ästhetische, aber alles andere als unverbindliche Poesie der Hoffnung nährte sich aus der Bibel: aus ihr konnten die Schwachen stark werden. Aus der Bibel, so bekannte sie, lerne sie zum einen, wie klein, unscheinbar, größenwahnsinnig die Menschen doch seien, aber auch welche Wunder sie wirken könnten: "Mein Buch macht mich immer furchtloser." Weltuntergangsstimmung hat Sölle nie verbreitet; der endlose Kampf der Menschen um diese Welt war für sie nie sinnlos, nie absurd, sondern immer getragen von einem Gott, der sich in Jesus den Menschen gleich gemacht hat - und der deshalb seine Pappenheimer kennt, von unten sozusagen. (Paul Kreiner)

Aus: Stuttgarter Zeitung, 28.4.2003
Quelle: http://www.stuttgarter-zeitung.de


Ich bin, was ich tue
Atheistisches Glaubensbekenntnis:
Zum Tod der theologischen Schriftstellerin Dorothee Sölle

Die Radikalität dieser Frau war berühmt und berüchtigt. "Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Welt kommt; einem Land mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte", begann sie 1983 ihren Vortrag vor dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Vancouver, der einen Skandal auslöste. "Reich ist die Welt, in der ich lebe, vor allem an Tod und besseren Möglichkeiten zu töten", hieß es darin weiter. Nichts böten wir den Kindern als "Konsum-Sand". Die westliche Welt? "Verödete Zentren der Kultur". Die dritte Welt – "ein Dauer-Auschwitz".

Als mutige Kritikerin eines verkrustet-selbstgefälligen Glaubensverständnisses galt Dorothee Sölle den einen, als schrille Brandrednerin und peinliches Ärgernis den anderen. Sie war früh ein Star der Friedensbewegung und der Oppositionellen in der Kirche – und sie war gleichzeitig isoliert: Einen Lehrstuhl gab es für die politische Theologin nicht in dieser Republik, mehr als zehn Jahre ist sie in die USA gependelt, wo sie als Dozentin am renommierten "Union Theological Seminary" in New York lehrte.

Neben Germanistik studierte Dorothee Sölle in den fünfziger Jahren Theologie – und rieb sich früh an einem Gott, "der da oben in aller Herrlichkeit thronen soll und solche Dinge in Auschwitz mitveranstaltet hat". Hier zeigt sich jenes Verständnis von zeitgemäßer Theologie, das sie später als "atheistischen Glauben an Gott" beschrieb. In Anlehnung an Dietrich Bonhoeffer und Rudolf Bultmann hielt Sölle an Christus fest, "ohne die Beruhigung und den Trost, den eine solche Vorstellung schenken kann: eine Art Leben also ohne einen metaphysischen Vorteil vor den Nicht-Christen, in dem trotzdem an der Sache Jesu in der Welt festgehalten wird."

Sie wurde dafür angegriffen, dass sie sich in ihren Büchern gegen das Bild eines allmächtigen Gottes stellte, der sich für die Menschen nicht interessiert, und damit auch gegen den "theologischen Zynismus", der noch die schrecklichsten Geschehnisse achselzuckend als gottgewollt hinnimmt. Eine Theologie aber, die den Menschen nicht auf später vertröstet, muss sich zwangsweise politisieren. Im Nachhinein wirkt es deshalb ganz selbstverständlich, dass Sölle in den sechziger Jahren zu den Mitbegründern des "Politischen Nachtgesprächs" in Köln gehörte, jenes Kreises, der hierzulande zum Nukleus des theologisch beflügelten politischen Denkens wurde. Die Orthopraxie, das rechte Tun, rückte in den Mittelpunkt ihrer Schriften. Es sei Aufgabe der Christen, "das Veränderbare zu benennen und als veränderbar zu kennzeichnen".

Sölles "Angst, dass meine Stimme schrill wird unter dem Druck zu ersticken", war wohl nicht ganz unbegründet. Aber die Stimmen ihrer Gegner in der Amtskirche waren nicht minder schrill, wenn sie sie als "fanatische" Kämpferin für eine "obskure", weil "linke" Sache verschrieen.

Die 73-jährige Dorothee Sölle, die als freie Schriftstellerin in Hamburg lebte, war vergangenes Wochenende mit ihrem Mann auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll, als sie einen Herzinfarkt erlitt und kurz darauf starb. Thema des Seminars: "Gott und das Glück". In einem Gespräch, das sie vor einigen Jahren mit ihrem Mann führte, sagte sie: "Glück ist mein Grundgefühl, es trägt mich. Es ist immer schon da. Die schönste Formel für das Glück ist für mich der mystische Satz: Ich bin, was ich tue." (ALEX RÜHLE)

Aus: Süddeutsche Zeitung, 28.4.2003
Quelle: http://www.sueddeutsche.de


Theologin ohne Elfenbeinturm
Dorothee Sölle ist tot

Frankfurt am Main, 28.4.2003. Für einen Gott hat sie sich nie interessiert, den allmächtigen, der sich für das Schicksal der Menschen nur am Rand interessiert. Den "Papa-wird's-schon-richten-Gott" nannte sie ihn. Für Dorothee Sölle konnte ein solcher Gott nur ein einsamer sein. Sie glaubte eher an einen Gott, der die Menschen braucht. Und deswegen ging es der 1929 geborenen Theologin immer mehr um die Praxis des Glaubens als um seine Theorie. Das hat sie früh zur politischen Theologie gebracht. Ihren rechten Ort sah sie immer mehr in der Kritik an der Ausbeutung der Armen durch die Globalisierung. Ein paar Tage nach dem 11. September 2001 sagte sie in einem Vortrag: "Wir leben in einem Kreislauf der Gewalt, und wir sind in ihm gefangen. Unser Gefängnis ist sicher das besttapezierte der Weltgeschichte, aber gefangen sind wir doch im Kreislauf der Gewalt, die Gegengewalt erzeugt." Und sie sah nur einen Ausweg: "Wir brauchen eine andere wirtschaftliche Globalisierung: von unten."

Dieses politische Engagement hat in ihrer Biografie immer eine große Rolle gespielt. Sie wandte sich als Friedensaktivistin gegen den Vietnamkrieg ("Vietnam ist Golgatha") genauso wie gegen den Nato-Doppelbeschluss zur Nachrüstung; so wurde sie auch wegen Blockaden von US-Basen zu Geldstrafen verurteilt. Bei Kirchentagen trat sie auf Alternativ-Veranstaltungen der "Initiative Kirche von unten" auf. 1968 begründete sie das so genannte Politische Nachtgebet beim Katholikentag.

Doch erfolgreich war sie vor allem als theologische Schriftstellerin, die immer weniger die systematische theologische Arbeit betrieb als das Schreiben über Genregrenzen hinweg. Sie schrieb Gedichte und theologische Prosa. Das hat sie zur meistgelesenen theologischen Schriftstellerin der Gegenwart gemacht, ihr aber von der Wissenschaft oft den Vorwurf eingebracht, sie sei naiv. Sie war eine Außenseiterin in der Theologie. Trotz Habilitation erhielt sie in Deutschland nie einen ordentlichen Lehrstuhl. Erst 1994 wurde sie zur Ehrenprofessorin der Universität Hamburg ernannt. Am Union Theological Seminary in New York dozierte sie von 1975 bis 1987.

Nach ihrem Protest gegen den Vietnamkrieg galt sie in kirchlichen Kreisen rasch als linksradikal. Und als sie 1965 ihr Buch "Stellvertretung. Ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes" publizierte, dem drei Jahre später der Titel "Atheistisch an Gott glauben" folgte, war sie vor allem für konservative Christen ein Schreckgespenst. Dabei wollte sie mit ihrem provokanten, an Nietzsche angelehnten Titel vor allem die Abkehr vom allmächtigen, auf die Menschen nicht angewiesenen Gott vorantreiben. Sie wollte Ungerechtigkeiten der Zeit nicht als "gottgegeben" hinnehmen. Vielmehr sei es Aufgabe der Christen, "das Veränderbare zu benennen und als veränderbar zu kennzeichnen".

Auch mit Grundlagen der christlichen Theologie haderte sie: Die Hoffnung an ein Leben nach dem Tod klang für sie zu sehr nach einer Vertröstung für die im Diesseits zu kurz Gekommenen. "Ich finde die Unsterblichkeitshoffnung problematisch", bekannte sie in einem Zeitungsinterview. "Ich glaube ja an das ewige Leben. Es geht weiter. Ich bin dann ein Tropfen in diesem Meer. Mein Glück hat immer mit Ichlosigkeit zu tun. Das Ego irgendwann ganz loszulassen - weil diese Schöpfung gut ist." Am Sonntag ist Dorothee Sölle mit 73 Jahren in einer Klinik in Göppingen offenbar an einem Herzinfarkt gestorben. (Markus Brauck)

Aus: Frankfurter Rundschau, 28.4.2003
Quelle: http://www.fr-aktuell.de


Gott will nicht allein sein
Für die einen war sie eine Heilige, für die anderen ein rotes Tuch:
An der evangelischen Theologin Dorothee Sölle schieden sich die Geister

Irgendwann hat sie es aufgegeben. Irgendwann ging sie dazu über, "Schriftstellerin" statt "Theologin" in die Formulare von Tagungsstätten oder Hotels einzutragen, in denen nach dem "Beruf" gefragt wurde. Zwar verstand sich Dorothee Sölle natürlich als Theologin - in dem Sinne, dass sie nachdachte über Gott und die Welt, und zwar mit einer ganz tiefen Verbundenheit zur jüdisch-christlichen Tradition. Aber ihr Geld hat sie im Gegensatz zu den meisten anderen Theologinnen und Theologen in Deutschland nie bei der Kirche verdient. Sölle: "Ich war da nie angestellt, weder bei der Kirche noch als ordentliche Professorin an einer deutschen theologischen Fakultät."

Als Dorothee Sölle das feststellte, tat sie es ohne Bitterkeit. Sie sei froh, dass ihr viel Ärger und Schreibkram erspart geblieben sei, den so eine ordentliche Professur mit sich bringe. Über solche Dinge habe sie ihren Mann Fulbert Steffensky, bis 1998 Professor für Religionspädagogik in Hamburg, oft stöhnen hören. Und trotz dieser erzwungenen Abstinenz von der deutschen Universität hatte Dorothee Sölle auch immer wieder befristete Lehraufträge wahrgenommen, zum Beispiel in Mainz und Basel. 1975 bis 1987 war sie Professorin am "Union Theological Seminary" in New York. Aber für eine ordentliche Professorin Sölle war der deutsche Theologiebetrieb wohl einfach nicht reif.

Denn Dorothee Sölle hatte sich zeitlebens wenig um Etikette gekümmert. Sie konnte nie etwas anfangen mit der sauberen Trennung zwischen Theologie als Wissenschaft auf der einen und christlicher Lebenspraxis auf der anderen Seite. Es ist über dreißig Jahre her, dass Dorothee Sölle zum ersten Mal in das Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit rückte. In Köln traf sich regelmäßig ein Kreis von evangelischen und katholischen Theologen, die über das Glaubensbekenntnis diskutieren wollten. Dorothee Sölle: "Irgendwann dämmerte es uns, dass wir uns nicht nur theoretisch mit theologischen Fragen beschäftigen durften, sondern dass diese Beschäftigung in eine Art Praxis einmünden muss." Eines Tages beschloss die Gruppe, eine Prozession durch Kölns Innenstadt zu machen unter dem Motto "Vietnam ist Golgatha". Das Credo der Gruppe: Jeder theologische Satz muss zugleich ein politischer sein. Das Aufsehen war groß, denn damals war die Öffentlichkeit solche Aktionen von Christen überhaupt nicht gewohnt.

Als die Gruppe ihre spezielle Liturgie im Jahre 1968 auf dem Katholikentag in Essen halten wollte, schoben die Organisatoren die Veranstaltung auf 23 Uhr abends. Aus dieser Not machte die Gruppe eine Tugend und nannte ihre Gottesdienste "Politisches Nachtgebet". Fortan galt Dorothee Sölle in weiten Kreisen als linksradikal.

Bereits 1965 hatte sie mit ihrer ersten größeren Veröffentlichung "Stellvertretung. Ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes" aufhorchen lassen. Der provokante Titel, dem andere wie "Atheistisch an Gott glauben" (1968) folgten, schreckte Traditionalisten ab. Als Sölle dann 1969 Fulbert Steffensky, einen Benediktinermönch, heiratete, war für viele das Maß voll. "Niedergefahren zur Sölle!" - so urteilten in grimmiger Umdichtung des Glaubensbekenntnisses konservative Christen über sie und ihre Gedanken. Auf solche Kritik angesprochen, zuckte sie mit den Schultern: "Die Hauptangriffe habe ich von Leuten erfahren, die nie eine Zeile von mir gelesen haben und mich einfach so abstempelten, weil sie gehört hatten, ich würde eine Gott-ist-tot-Theologie vertreten."

In einem rastlosen Aktivismus sah allerdings auch Dorothee Sölle kein Heil. Gerade der untrennbare Zusammenhang zwischen Engagement und Glauben war es, der sie umtrieb. "Mystik und Widerstand" hieß ihr großes Werk, das 1997 erschien. Dort sichtete sie die großen mystischen Traditionen, und zwar nicht nur die christlichen. Mit konfessionellen Gegensätzen konnte Dorothee Sölle sowieso immer weniger anfangen. So schrieb sie: "Die Anhänger der verschiedensten Religionen werden angezogen von diesem X im Herzen der Welt, dem sie Namen wie Allah, Urmutter, der Ewige, Nirwana, das Unerforschliche gegeben haben." Wieder so ein Satz, mit dem sich die streitbare Theologin in gewissen Kreisen keine Freunde machte. Aber für sie, für die Theologie immer ganz eng mit Erfahrung verknüpft war, wurden Begriffe sowieso immer unwichtiger. Eins allerdings fand sie schade: dass - obwohl die meisten ihrer Bücher sich gut verkauften und bereits Generationen von Pfarrerinnen und Pfarrern mit Sölles theologischem Denken aufgewachsen sind, obwohl Tausende ihre Bibelarbeiten auf Kirchentagen gehört haben -, dass Teile der Fachtheologie sie trotzdem ignorierten. (REINHARD MAWICK)

Aus: die tageszeitung, 28.4.2003
Quelle: http://www.taz.de


Protestantische Mystikerin
Zum Tod der evangelischen Theologin und Predigerin Dorothee Sölle

Dorothee Sölle war ein Ärgernis. Nicht allen und nicht jedem. Aber allen und jedem Realo. Den Realpolitikern wie den Realtheologen. Und zu Recht. Denn kaum jemand hat so unermüdlich daran festgehalten, dass die Realität nicht einfach das ist, was der Fall ist, sondern voller schönster Möglichkeiten steckt, die herauszulocken die eigentlich menschliche Aufgabe ist. Dass jener Gott, von dem uns im Konfirmandenunterricht erzählt worden war, wie er uns umsorgte und strafte, jener ständig mit seinen Geschöpfen hadernde Hausvater tot war, das war für sie eine Befreiung. Eine, an der sie alle Welt teilhaben lassen wollte. Sie wollte, sie musste sich mitteilen. Sie musste hinausrufen, was sie dachte, was sie empfand. Sie war - das ist sicher - keine Theologin. Sie war eine Predigerin. Nicht in der Wüste, sondern immer vor großem Publikum. Sie war die erfolgreichste, auflagenstärkste, meistbeachtete Theologin der Gegenwart. Also ganz sicher nicht nur ein Ärgernis. Sondern auch eine Freude. Denen, die sich heraussehnen aus dem, was ist, denen, die nicht daran glauben wollen, dass alles, was gezählt und gewogen wird, schon alles ist.

Dorothee Sölle wurde 1929 in Köln geboren. Sie wurde mit ihrem ersten Buch, einem Beitrag zur Gott-ist-tot-Theologie, berühmt. In Deutschland bekam sie keinen Lehrstuhl. So unterrichtete sie 1975 bis 1989 in New York. Sie starb vergangenen Sonntag in einem Krankenhaus in Göppingen in Folge eines Herzinfarkts. Am Tag zuvor hatte sie noch auf einer Tagung in der evangelischen Akademie in Bad Boll eigene Gedichte zum Thema "Gott und das Glück" vorgelesen. Ihr Buch "Mystik des Sterbens" konnte sie nicht mehr beenden.

Dorothee Sölle war in dem Sinne keine Theologin als sie lebte, was sie lehrte. Die Theologie war ihr nicht vor allem eine Wissenschaft, sondern der Versuch, mit sich, der Welt und dem Leben ins Reine zu kommen. Sie engagierte sich als Pazifistin und Feministin. Sehr entschlossen mit jener harmlosen Zeitgenossen leicht nervenden Beharrlichkeit, mit jenem strengen Ton, der verlangt, dass man Konsequenzen zieht, aus dem, was man denkt.

Vor allem aber war Dorothee Sölle eine Mystikerin. Sie war es nicht, weil sie die Wirklichkeit verrätselte, weil sie ihr Schleier umhing, um ihren Anblick nicht ertragen zu müssen. Sie war eine leidenschaftliche und Tausende begeisternde Mystikerin des Ganzen. In einem Gespräch mit ihrem Ehemann, dem ehemaligen Benediktiner-Mönch Fulbert Steffensky, erklärte sie: "Mein Glück hat mit Ichlosigkeit zu tun. Das Ego irgendwann ganz loszulassen ." Das ist der Kern ihrer Theologie. Aber das ist natürlich keine Theologie. Das ist ein Empfinden und eine Sehnsucht. Das ist der Wunsch nach Verschmelzung nicht mit Gott, sondern mit allem. In allem. Es ist ein alter Traum und es ist, das wissen wir heute, nichts Anderes als die klarste Beschreibung von dem, was mit uns in der mit unserem Tode einsetzenden Zersetzung geschieht. Nun ist ihr Wunsch Wirklichkeit geworden. Wie alle wirklichen Mystiker war Dorothee Sölle in Wahrheit eine große Realistin. (Arno Widmann)

Aus: Berliner Zeitung, 28.4.2003
Quelle: http://www.berlinonline.de


An die Veränderung glauben

Sie kämpfte für eine gerechte Welt, verstand sich als Theologin des Widerstands: Dorothee Sölle, mit 73 Jahren in einer Göppinger Klinik an den Folgen eines Herzinfarktes gestorben, war eine sehr starke Frau. Bei Göppingen, nämlich an der Evangelischen Akademie Bad Boll, hatte sie mit ihrem Ehemann, dem ehemaligen Benediktinermönch Fulbert Steffensky, das Seminar "Gott und das Glück" besucht und dort auch aus ihren poetischen Texten gelesen. Gott und das Glück - das war für Dorothee Sölle kein leichtes Thema, denn Glauben war für sie nur möglich mit dem Bewusstsein, "nach Auschwitz zu leben". Was auch bedeuten kann: ein Glauben nach Gott. Ihr Schlüsselerlebnis war das Elend in Vietnam, das sie hautnah erlebte.

Dorothee Sölle, die sich auch der klassischen Philologie, der Philosophie und der Literaturwissenschaft widmete, glaubte an Jesus Christus, weil er "wie wir an der Veränderung aller Zustände arbeitete und darüber zugrunde ging". Die Unbequeme, die in New York am renommierten Union Theological Seminary lehrte und der man hierzulande keine Professur anbot, demonstrierte an den "Stätten des Todes" gegen den Rüstungswahn und zahlte dafür Bußgelder. Kirche und Staat, so glaubte sie, könne man trennen, aber nicht den Geist des Glaubens und die Politik.

Dorothee Sölle, die Tochter des Arbeitsrechtlers Hans Carl Nipperdey, gründete im Zuge der 68er Bewegung in ihrer Heimatstadt Köln mit Fulbert Steffensky das "Politische Nachtgebet" in der Antoniterkirche als ökumenischen Arbeitskreis. Ihr Ideal war die "Theologie der Befreiung", die - Lateinamerika im Blick - die Hoffnung der Christen darin sieht, sich von den Armen evangelisieren zu lassen. In einem ihrer Bücher heißt es, das Bekenntnis zur Sünde habe für sie wenig Tiefe gehabt, solange sie es im Sinne der bürgerlich-individualistischen Theologie verstanden habe. Auf Kirchentagen zog sie Massen an, den jungen Christen war die Mutige ein Vorbild. Auch deshalb ist sie die meistgelesene theologische Autorin der Gegenwart. Die Titel ihrer Publikationen wie "Mystik und Widerstand" oder "Welches Christentum hat Zukunft?" liefern schon ein Programm.

Man kann ihre Theologie auch als Theologie des Mitleidens begreifen. Eben im Geiste von Jesus. Wer wie er auf die  "Unmittelbarkeit des Himmels" verzichte, sei, so Dorothee Sölle, "grenzenlos glücklich, absolut furchtlos und immer in Schwierigkeiten". (Michael Stenger)

Aus: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 28.4.2003
Quelle: http://www.waz.de


Unumstritten waren ihre Positionen nie

Göppingen / Hamburg, 28.4.2003 (dpa). Seit der 68er-Studentenbewegung galt Dorothee Sölle als Ikone eines linken, engagierten Christentums. Politik und Glaube waren für die ebenso liebenswürdige wie streitbare Theologin und Schriftstellerin untrennbar.

Gegen den Vietnamkrieg, den NATO-Doppelbeschluss oder die Ausbeutung der Dritten Welt demonstrierte sie nicht nur in politischen Streitschriften, sondern handelte sich auch wegen Sitzblockaden gegen US-Einrichtungen Geldstrafen ein. "Hatte etwa die Kreuzigung Jesu nichts mit Politik zu tun?", fragte die Hamburger Theologin - sie gilt als meistgelesene religiöse Autorin der Gegenwart - einmal.

Dorothee Sölle: Bei einem Gottesdienst der "Initiative Kirche von unten" predigte sie im Jahr 2000 auf dem Katholikentag.

Am Sonntagmorgen starb sie, offenbar nach einem zweiten Herzinfarkt, im Alter von 73 Jahren in einem Krankenhaus in Göppingen (Baden-Württemberg). Noch am Samstag hatte sie mit ihrem Mann Fulbert Steffensky, einem früheren Benediktinermönch, als Hauptreferentin an einem Seminar der Akademie Bad Boll teilgenommen - ausgerechnet zu dem Thema "Gott und das Glück".

Nach mehren Jahrzehnten Pause fing Sölle vor einigen Jahren an, wieder im Kirchenchor zu singen. Auch dem Klavierspiel widmete sie sich - wie früher schon einmal. In ihrem schönen alten Haus im Hamburger Nobel-Stadtteil Othmarschen stand das Klavier am Fenster. Kinderspielzeug und Kinderkarre lagen dort herum; Sölle lebte in einem Drei-Generationen Haushalt.

Um Dorothee Sölle war es zuletzt ruhiger geworden, nicht nur krankheitsbedingt. "In den letzten Jahren lag ihr daran, eine spirituelle und frömmigkeitsorientierte Praxis zu beschreiben und zu gewinnen, die nicht im Widerspruch zur politischen Praxis steht", sagte der Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Christoph Vetter. Eine Grundüberzeugung lautete: "Kirche und Staat sind vielleicht trennbar, doch der Geist des Glaubens und der Politik nicht."

"Ich bin überhaupt nicht kirchlich beschädigt. Mein Christentum ist vollkommen freiwillig", sagte die Tochter des Kölner Arbeitsrechtlers Hans Carl Nipperdey einmal. "In meiner Jugend habe ich sehr mit dem Nihilismus gerungen, ich suchte nach Orientierung." 1949 begann sie zu studieren, zunächst klassische Philologie, dann Philosophie, Literaturwissenschaften und Theologie. Als Theologin lehrte sie wechselweise in Hamburg und den USA.

Auschwitz prägte den Glauben
Vor allem die Schrecken des Zweiten Weltkrieges haben Sölle geprägt. "Mein Glaube kommt aus der deutschen Erschütterung, aus Auschwitz." So gehörte sie in den 60er Jahren zu jenen Theologen, die eine Entmythologisierung der Bibel propagierten und eine "Theologie nach dem Tode Gottes" entwarfen; legendär sind ihre zahlreichen Auftritte auf Kirchentagen, nicht zuletzt die in den 60er Jahren begründeten "Politischen Nachtgebete".

Unumstritten waren ihre Positionen nie. Ihr Referat 1983 vor dem Weltkirchenrat in Vancouver war nach Meinung des damaligen EKD- Ratsvorsitzenden eine "Randposition". Ihre Werke wurden oft als "undifferenziert" und "naiv" verrissen. Vielen war die zarte Frau mit ihren radikalen Thesen unbequem. "Ich war oft allein. Doch jetzt glaube ich, dass die Kirche sich etwas geläutert hat", sagte sie im Alter. Ein Zeichen sei die Bereitschaft vieler Gemeinden, Asylbewerber aufzunehmen. (Claudia Utermann und Maja Abu Saman)

Aus: Westfälische Rundschau, 28.4.2003
Quelle: http://www.westfaelische-rundschau.de


Zum Tod von Dorothee Sölle

Um über "Gott und das Glück" nachzudenken, kamen 75 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Wochenende zu einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll, als Trauernde haben sie Bad Boll verlassen. Noch am Samstag abend las Dorothee Sölle aus ihren Gedichten, begleitet von den Musikern Gerald Buß und Alexander Bührer. So wurden die Gäste ungeahnt zu Zeuginnen und Zeugen des letzten Vortrags, des letzten Streitgesprächs mit ihrem Mann Fulbert Steffensky und der letzten bewegenden Lesung Dorothee Sölles unter dem Titel "Vergesst das Beste nicht".

Am Sonntag morgen ist Dorothee Sölle gestorben. Nachdem sie in der Nacht Atembeschwerden bekommen hatte, wurde sie vom Notarzt in die Göppinger Klinik am Reichert gebracht. Sie starb dort wenige Stunden später an den Folgen eines Herzinfarktes. Ihr Mann Fulbert Steffensky, der an diesem Morgen das Hauptreferat zum Thema "Welcher Gott und welches Glück?" hätte halten sollen, war bei ihr. Der für den späten Vormittag geplante Gottesdienst mit dem Thema "... und ungeahnt erblüht es dir ..." - gemünzt auf das Glück - verwandelte sich in eine bewegende Trauer- und Gedenkfeier an Dorothee Sölle. Einer der letzten Sätze ihres Vortrages vom Freitag abends war: "Ich wünsche mir, dass diese Erde bleibt. Ob ich darin vorkomme, ist mir nicht wichtig." (Yasna Görner-Crüsemann, Leiterin der Tagung "Gott und das Glück")

Quelle: http://www.ev-akademie-boll.de


Presseerklärung der PDS vom 28.04.2003:
"Wir trauern um eine streitbare Frau"

Zum Tod der Theologin und Friedensaktivistin Dorothee Sölle erklärt die Parteivorsitzende der PDS, Gabriele Zimmer:

"Das Veränderbare zu benennen und als veränderbar zu kennzeichnen" gehört zu den mobilisierenden Hinterlassenschaften einer mutigen und eigenwilligen Frau, der Theologin und Friedensaktivistin Dorothee Sölle. Theorie und politische Praxis waren für sie gleichermaßen wichtig und bestimmten ihr Handeln im Kreise evangelischer und katholischer Theologen und in der Öffentlichkeit. Sie setzte auf die solidarische Vernetzung vieler Interessengruppen sowohl im Kampf für eine friedliche Welt als auch im alltäglichen Widerstand gegen die Welt einer entfesselten imperialen Marktwirtschaft.

Positive Tendenzen konnte sie einer fortschreitenden Individualisierung kaum abgewinnen. Sie provozierte schon in den 60er Jahren mit ihrer Version von Gottesdiensten, den "Politischen Nachtgebeten". Doch rastlosen Aktionismus lehnte sie ab, indem sie mit ihren viel gelesenen Büchern für eine intensive Beschäftigung und Analyse der Gefahren unserer modernen Welt warb und zur fundierten Diskussion anregte.

Als Schriftstellerin und Rednerin verurteilte sie die völkerrechtswidrigen Kriegsvorbereitungen gegen den Irak, so wie im Oktober 2002 in Hamburg auf einem Aktionstag gegen den Irak-Krieg. Sie verurteilte eine PAX AMERICANA und setzte auf ein Bündnis mit dem anderen Amerika. Wir trauern um eine streitbare Frau und gedenken des ermutigenden Lebens von Dorothee Sölle.

Quelle: http://www.pds-online.de


Trauer um Dorothee Sölle

27.4.2003. Am heutigen Sonntagmorgen ist Dorothee Sölle gestorben. Sie war - auch wenn sie dem BRSD nicht angehört hat - eine der wichtigsten Theologinnen der religiös-sozialistischen Bewegung. Dorothee Sölle starb - vermutlich an einem Herzinfarkt - während einer Tagung in Bad Boll, dem Ort, in dem der Begründer des Religiösen Sozialismus in Deutschland, Christoph Blumhardt, wirkte. Für die meisten von uns war Dorothee Sölle eine der wichtigsten Ideengeberinnen, viele kannten sie auch persönlich.

Mich persönlich hat das Buch "Nicht nur Ja und Amen", das Dorothee Sölle zusammen mit ihrem Mann Fulbert Steffensky geschrieben hat, in meinem werdenden religiös-politischen Bewusstsein stark geprägt. Darin schrieben sie auch über den Tod des Südafrikaners Joe Mavi und fragten "Kann man sagen, dass Joe Mavi tot ist? Das kann jemand vom statistischen Amt sagen, aber wir brauchen wirklich eine andere, eine menschliche Sprache. Joe Mavi ist bei denen in Soweto, die seinen Kampf fortführen. Er ist auch bei uns, wo immer wir uns auf die Seite der Armen stellen und den großen Streit um die Gerechtigkeit mitmachen. Joe Mavi ist nicht tot."

Wir wissen, dass auch Dorothee Sölle über den heutigen Tag hinaus bei uns sein wird.

Darius Dunker
Redaktion CuS

Quelle: http://www.brsd.de


Theologin Dorothee Sölle gestorben

Hamburg, 27.4.2003 (epd). Sie war eine Frau, die den Streit nicht fürchtete und seit mehr als 30 Jahren in Politik und Kirche nicht wegzudenken war: Die Hamburger Theologin Dorothee Sölle ist überraschend am Sonntag im Alter von 73 Jahren im baden-württembergischen Göppingen an den Folgen eines Herzinfarktes gestorben. Sie hatte dort mit ihrem Ehemann, dem Theologieprofessor Fulbert Steffensky, an einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll teilgenommen.

Am Samstag abend musste die habilitierte Theologin und Friedensaktivistin in ein Krankenhaus der Stadt eingewiesen werden.  Sie starb dort am Sonntag vormittag. Sölle war Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre durch ihre provokanten "Politischen Nachtgebete" in Köln und ihre "Theologie nach dem Tode Gottes" bekannt geworden.

Sie war der Star vieler evangelischen Kirchentage. Ihre Veranstaltungen dort mussten oft wegen Überfüllung geschlossen werden. Ihren letzten Auftritt hatte die renommierte Wissenschaftlerin noch kurz vor ihrem Tod bei der Tagung mit dem Thema "Gott und das Glück" in Bad Boll. Sie trug dort eigene poetische Texte vor.

Die Literaturwissenschaftlerin und Publizistin, die der Befreiungstheologie nahe stand und zwölf Jahre in New York lebte, spaltete mit ihrer manchmal radikalen Kritik oft die Gemüter. Glück sei das Grundgefühl, das sie trage. Zufriedenheit jedoch wolle sie nicht, denn die sei eine Reduktion der Fähigkeiten, sagte sie in einem Interview. In diesem Sinn ist Dorothee Sölle nicht müde geworden, für soziale Gerechtigkeit, den Schutz der Umwelt und die Sicherung des Friedens zu kämpfen.

Ihr politisches Engagement erklärte die Mutter von vier Kindern in ihrem Buch "Zur Umkehr fähig" mit ihrer Überzeugung, dass Gott kein "allmächtiger Vater", sondern auf die Menschen angewiesen sei. Sölle wehrte sich dagegen, alles Leid "gottgegeben" hinzunehmen. Stattdessen sei es Aufgabe der Christen, aus dem Leiden Kraft zu ziehen und das Veränderbare zu verändern. Die Aufforderung Gottes zum Handeln sah die Theologin in der Bergpredigt.

Dorothee Sölle war in den 70er Jahren prominentes Mitglied der Friedensbewegung. Mit der Organisation der "Politischen Nachtgebete" in Köln zog sie die Kritik der katholischen wie der evangelischen Kirche auf sich. Nach ihrer Aufsehen erregenden Rede vor der Vollversammlung des Weltkirchenrates im kanadischen Vancouver 1983 distanzierte sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) offiziell von der Professorin.

Sölle hatte der europäischen und nordamerikanischen Kirche "Militarismus" und "Apartheidstheologie" gegenüber der Dritten Welt vorgeworfen. Bis zu ihrem Tod zog die unbequeme Theologin bei ihren Auftritten viele Menschen an. Ihr letztes Werk allerdings konnte sie nicht mehr vollenden. Ihr Buch "Mystik des Sterbe sie nicht mehr vollenden. (04380/27.4.03, Marion Menne und Burkhard Saul)

Quelle: http://www.epd.de