Dr. Iris Müller und Dr. Ida Raming:

Erklärung anlässlich der Frauenordination in Österreich


Mehrere katholische Frauen aus Österreich und Deutschland haben sich dazu entschlossen, sich von einem katholischen Bischof ordinieren zu lassen. Diesen Entschluss teilen sie hiermit der Öffentlichkeit mit und begründen ihn folgendermaßen:

Seit nunmehr 40 Jahren, also seit Beginn des 2. Vatikanischen Konzils (1962-1965), haben Frauen die Gründe für ihren Ausschluss von den kirchlichen Weiheämtern mit stichhaltigen Argumenten zurückgewiesen. In der nachkonziliaren Phase bis heute sind zahlreiche wissenschaftliche und populär-wissenschaftliche Bücher und Artikel zugunsten der Frauenordination erschienen, und zwar weltweit. Die Vatikanische Kirchenleitung (Glaubenskongregation und Papst) hat diese Forschungsergebnisse bis jetzt ignoriert, selbst wenn sie von der Päpstlichen Bibelkommission kamen (vgl. Report der Bibelkommission von 1976). Durch wiederholte Verlautbarungen (Inter insigniores, 1976, Ordinatio Sacerdotalis, 1994, Responsum ad dubium, 1995) hat sie vielmehr den Ausschluss der Frau vom Priesteramt zementiert und dieser Lehre den Rang eines "Quasidogmas" verliehen  ("Diese Lehre erfordert eine endgültige Zustimmung...").

Frauen, die eine Berufung zum Priesteramt fühlen und sie auch leben wollen, befinden sich daher in einem schweren Gewissenskonflikt: Auf der einen Seite steht die unrevidierte Position der offiziellen Kirchenleitung - auf der anderen Seite ruft Gott sie aber zum priesterlichen Dienst in der Kirche. 'Die Liebe Christi drängt' sie! Die betroffenen Frauen wollen sich mit dieser unerträglichen Spannung nicht abfinden und suchen daher Auswege zu finden.

Da eine Fortsetzung der Argumentation aller Erfahrung nach keine Abhilfe verspricht, haben sich Frauen dazu entschlossen, eine Ordination contra legem (c. 1024 CIC) anzustreben. Denn eine Änderung der Rechtslage der Frau in der römisch-katholischen Kirche ist in Anbetracht ihrer hierarchischen und zentralistischen Struktur in absehbarer Zeit nicht zu erwarten:

Bekanntlich haben in einem Konzil, das über die Frage der Zulassung von Frauen zu den Weiheämtern entscheiden könnte, nur Bischöfe (also ausschließlich Männer!) Stimmrecht, und diese haben sich in der Vergangenheit mehrheitlich als äußerst angepasst an Papst und Lehramt erwiesen.

Den Frauen ist bewusst, dass sie mit diesem Schritt gegen ein bestehendes kirchliches Gesetz sowie gegen eine Lehrmeinung des kirchlichen Lehramtes verstoßen. Aber: Dieses Gesetz ("Die heilige Weihe empfängt gültig nur ein getaufter Mann", c. 1024) sowie die ihm zugrunde liegende kirchliche Lehre beinhalten eine schwere Missachtung der Person- bzw. Menschenwürde der Frau und ihrer christlichen Existenz.  Das Getauft- und Gefirmtsein der Frau wird ignoriert, die Gültigkeit der Ordination  wird an das bloße männliche Geschlecht gebunden! Damit stehen das Gesetz c. 1024 sowie die ihm zugrunde liegende Lehre in eklatantem Widerspruch zur Gottebenbildlichkeit der Frau (Gen 1,27), zur Lehre des 2. Vatikanischen Konzils (Lumen Gentium Nr. 32 u.a.) sowie zu Gal 3,27f, wo es heißt: "Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Da sind nicht mehr Juden und Griechen/Heiden, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau ('männlich und weiblich'); denn ihr alle seid 'einer' in Christus Jesus."

Die Taufe - nicht aber das männliche Geschlecht - als Grundvoraussetzung für die Gültigkeit der Ordination wird bereits von mittelalterlichen Kanonisten / Theologen hervorgehoben  ("post baptismum quilibet potest ordinari"). Sowohl die Lehre vom Ausschluss der Frau von den Weiheämtern als auch das daraus resultierende Gesetz (c. 1024 CIC) beinhalten also eine Irrlehre (Häresie), der Frauen  in der römisch-katholischen Kirche nicht länger zum Opfer fallen wollen.

 Die an der 'unerlaubten' Ordination beteiligten Frauen verstehen ihren Akt daher auch als ein deutliches prophetisches Zeichen des Protestes gegen die Frauen-diskriminierende Lehre und Rechtsvorschrift, die Männer der Kirche über Frauen verhängt haben und die der römisch-katholischen Kirche und ihrer Glaubwürdigkeit vor aller Welt schweren Schaden zufügt:

Berufungen von Frauen, die von Gott für den Aufbau und die Erneuerung der Kirche geschenkt sind (vgl. Eph 4,8.10-12), werden durch das Kirchengesetz (c. 1024) unterdrückt. Angesichts der pastoralen Notlage (Zusammenlegung von mehreren Gemeinden infolge des Priestermangels und mangelndes Angebot an Eucharistiefeiern etc.) ist das nicht zu verantworten. Die beteiligten Frauen wollen durch ihre Handlungsweise das freie Wirken der göttlichen Geisteskraft, die jeder/jedem zuteilt, wie sie will (vgl. 1 Kor 12,11), ehren und so für die  römisch-katholische Kirche eine neue Zukunftsperspektive eröffnen:

Im Einvernehmen mit den sie ordinierenden Bischöfen wollen sie sich durch die Ordination u.a. für folgende Aufgaben stärken und zurüsten lassen: pastorale Begleitung von Menschen, besonders von Frauen(gruppen), die sich von der Kirche entfremdet haben: Sie brauchen dringend geistliche Schwestern im Amt! Aufbau und/oder pastorale Betreuung von Hauskirchen bzw. Hausgemeinschaften. Darüber hinaus wollen sie sich für den seelsorglichen Dienst an Menschen bereit halten, wann und wo immer er gewünscht wird.

Die beteiligten Frauen sehen sich bei diesem Akt durchaus in der Nachfolge Jesu, der Gesetze, die von der hierarchischen religiösen Autorität seiner Zeit und Religion aufgestellt wurden, gebrochen hat (z.B. Sabbat- und Reinheitsvorschriften...). Darin lag für ihn keine Willkür, sondern er handelte aus der Erkenntnis, dass die Menschen nicht für die Einhaltung ungerechter, unmenschlicher Normen und Gesetze da sind, sondern dass die Gesetze einer Religion den Menschen dienen sollen (vgl. Mk 2,27 u.ö.).

Durch ihre Handlungsweise (contra legem) wollen die beteiligten Frauen die verantwortlichen kirchlichen Amtsträger dazu aufrufen, endlich die geistlichen Berufungen von Frauen zu den Weiheämtern zu respektieren und ihnen in Lehre, Recht und Praxis der Kirche ausreichenden Raum zu verschaffen. Nicht die Frauen, die sich angesichts der Verhärtung der Kirchenleitung zu einem Handeln "contra legem" genötigt fühlen, haben Kritik verdient, sondern die verantwortlichen kirchlichen Amtsträger, die diesen Notakt durch ihr Verhalten herbeigeführt haben.

Am Ostermorgen gingen mutige Jüngerinnen, Maria von Magdala und andere Frauen, zum Grab Jesu - in Treue zu ihrem Meister. Der Stein vor dem Grab war weggewälzt - sie begegneten als erste dem Auferstandenen und wurden so zu Botinnen der Osterbotschaft. Im Vertrauen auf die Kraft des auferstandenen Christus wollen auch heute engagierte Frauen durch ihre Ordination einen neuen Weg bahnen und mithelfen, den schweren Stein der Diskriminierung wegzuwälzen, der auf den Frauen in der katholischen Kirche liegt. Sie wollen als Priesterinnen für eine Kirche eintreten und arbeiten, in der die Menschen, unabhängig von Geschlecht und Rasse, in Gerechtigkeit und Freiheit miteinander leben und so Gott dienen können.

Die Gruppe der Frauen empfehlen sich selbst und ihren risikoreichen Schritt der Güte Gottes und der Fürsprache aller Heiligen, besonders der Mutter Jesu und der 1997 zur Kirchenlehrerin (doctor Ecclesiae universalis) erklärten hl. Therese von Lisieux. Sie hat von sich gesagt: "Ich fühle mich zum Priester berufen!"

Im Juni 2002
Für die Gruppe der Weihekandidatinnen:
Dres. theol. Iris Müller und Ida Raming


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